Befreien Sie die Welt von langweiligen Vorträgen! Provotainen Sie!

Gastbeitrag von | 09.01.2020 | Prozesse & Methoden | 0 Kommentare

„Stellen Sie sich vor, der Postbote klingelt. Er bringt Ihnen ein Päckchen. Das Päckchen riecht gut. Es sieht gut aus. Es lächelt Sie an. Das Einzige, was Sie wundert, Sie kennen den Absender nicht. Wer schickt Ihnen ein Päckchen? Weil es so gut riecht und wunderschön aussieht, reißen Sie es auf, und darin finden Sie ein Smartphone. Sogar das neueste Modell. Wer schickt Ihnen ein Smartphone? Unter dem Smartphone klebt ein Post-it: Rufen Sie uns an, wir sind Ihr neuer Arbeitgeber! Das hat eine Firma 2014 gemacht. 20 Päckchen wurden verschickt und fünf neue Mitarbeiter gewonnen.“

So beginne ich meine Vorträge.

Die Aufmerksamkeit ist mir damit sicher. Sowohl von Arbeitgebern als auch von Angestellten. Die einen suchen Mitarbeiter, die anderen wollen umworben werden. Die meisten Menschen können sich spontan mit der Geschichte verbinden.

Die erste Minute von Vorträgen spricht bereits Bände über die Dynamik. Ich könnte auch zwei Minuten über mich erzählen oder sagen, dass ich mich freue, dass alle so zahlreich erschienen sind. Das empfinde ich als Zeitverschwendung. Ich starte mit der ersten Geschichte, und nach 60 Sekunden haben die Gäste bereits gelacht und etwas Neues gelernt. Und in diesem Spirit – lachen und lernen – geht der Vortrag weiter.

Nur weil im Meeting 18 Kollegen anwesend sind und im Vortrag 157 oder 633 Gäste vor Ihnen sitzen, bedeutet das nicht, dass auch nur einziger dem Vortragenden zuhört. Sie kennen das selbst. Sie hetzen zur Konferenz, das Kind ist krank. In letzter Sekunde haben Sie eine Kinderbetreuung organisiert. Da fällt Ihnen siedend heiß ein: Sie haben gar kein Parkticket für das Auto gelöst. Und wer backt den Geburtstagskuchen für den besten Freund? Das Tennisturnier vom Wochenende steckt noch in den Knochen und der platte Reifen am Fahrrad nervt. Vor Ihnen sitzen Tausende unterschiedliche Gedanken und Gefühle. Stellt dann ein Redner steif die Agenda vor, bevor er einen Monolog über die Schönheit der Schönheit hält, sind Sie hemmungslos Ihren eigenen Gedanken ausgeliefert. Der Parkschein drängelt. Außerdem suchen Sie bereits seit mehreren Monaten erfolglos Ingenieure, was nervt. Und in diesem Moment hören Sie mich folgendes sagen: „Eine Firma bekam keine Bewerbungen von Ingenieuren. Daraufhin stellte die Personalverantwortliche verschiedene Fragen, zum Beispiel: Welche Musik hören Ingenieure?“ Dann hören Sie einen Schrei, der durch Mark und Bein geht: „WACKEN. Heavy Metal. Ingenieure hören überdurchschnittlich häufig Heavy Metal. Die Firma kaufte vier Tickets für Wacken und schrieb in die nächste Stellenanzeige: Unter allen qualifizierten Bewerbern verlosen wir vier Tickets für WACKEN. Das Festival ist schnell ausverkauft, und dieses Angebot verbreitet sich in der Zielgruppe wie ein Lauffeuer. Die Firma hat so viele gute Bewerbungen bekommen wie nie zuvor.“

Wieder haben die Gäste gelacht und etwas Neues gelernt.

Ich fahre ohne Pause fort: „Und das erzählte ich kürzlich der Stadtverwaltung Hamm. Sie suchten Bauingenieure und bekamen monatelang keine einzige Bewerbung. Zehn Tage später stand die Stadtverwaltung Hamm mit einem großen Artikel und Foto in der BILD, und RTL hatte auch schon angerufen. Hamm versprach drei Bauingenieuren eine Reise auf dem Kreuzfahrtschiff Heavy Metal. Das ist so außergewöhnlich, dass die großen Medien darüber berichteten. Hamm erreichte so auch Menschen, die zuvor nicht mal wussten, dass die Stadt Hamm überhaupt Ingenieure beschäftigt.“

Es sind erst wenige Minuten im Vortrag vergangen, und schon drei Mal hat das Publikum gestaunt. Keiner der Vortragsgäste denkt nun noch an das Parkticket oder den Geburtstagskuchen. Ich fahre fort: „Solche Ideen in der Personalgewinnung sind kein Zufall, sondern basieren auf Vorstellungskraft, die man wie jede andere Kraft und Kompetenz trainieren kann. Ich trainiere seit 20 Jahren Ideenfitness.“ Während ich das sage, ziehe ich mein Sakko aus und eine rote Trainingsjacke an. Den ganzen Vortrag über biete ich visuelle Reize. Die Trainingsjacke, einen roten Faden, den ich quer durch den Raum spanne, Elefanten, Lego Duplo, eine Leiter und Cocktailmixer, die ich schüttle.

Wir Menschen sind Sinneswesen. Wir schmecken, hören, sehen, riechen, fühlen. Ein Erlebnis, das alle Sinne anspricht, bleibt hängen. Nackte Worte sind die schlechteste Form der Vermittlung. Wenn Sie Menschen für Ihre Ideen, Themen und Gedanken gewinnen wollen, gestalten Sie ein Erlebnis. Meine Bewegungen überlisten zudem die Gehirne der Zuschauer. Gedanken kreisen am liebsten um sich selbst. Doch ich biete den Augen Anreize, hinzusehen. Sie müssen mir folgen, wenn ich quer durch den Raum und über die ganze Bühne laufe. Die Augen melden permanent Signale ans Gehirn, das sich zwangsläufig mit mir beschäftigen muss und nicht in selbstverliebte Gedanken abdriften kann. Dadurch gewinnen meine Inhalte Zuhörer, denn mir wird wirklich zugehört.

Ich nenne das Provotainment. Unterhaltsam provozieren. Dazu setze ich fünf Elemente ein:

  1. Witz
  2. Erlebnis
  3. Relevanz
  4. Tabubruch
  5. Umdrehen

 

Witz

Mit Witzen werden die Mauern der eingefahrenen Gedanken überrumpelt. Wir sind ständig mit alten Mustern und Gewohnheiten beschäftigt. Zum Glück müssen wir nicht darüber nachdenken, wie man Schnürsenkel bindet. Das ist gut. Wenn aber alle unsere Tätigkeiten nach Routinen ablaufen, ist die erste Herausforderung für Redner, einen Spalt zu schaffen, in den Inhalte eindringen können. Gute Witze bringen uns zum Lachen, wenn die Pointe überrascht. Lachen öffnet Menschen. So bekommen wichtige Inhalte die angemessene Aufmerksamkeit.

Es geht mir nicht darum, witzig zu sein. Ich will, dass mein Inhalt bei Menschen ankommt. Pointen führen um Ecken und das bringt Aufmerksamkeit. Wer für seine Inhalte wirbt, sollte überraschen, damit die Zuhörer aufmerken. Aufmerksamkeit ist Zeit, und Zeit ist unser rarstes Gut. Aufmerksamkeit ist ein Geschenk. Die Zeit kommt nie wieder. Jeder im Raum könnte andere Dinge tun, keiner muss zuhören. Genau das passiert bei langweiligen Vorträgen und Belehrungen von Besserwissern. Die Gäste müssen sich das nicht antun und schweifen ab. Überrumpeln Sie mit Humor. Humor baut Brücken und öffnet. Humor macht Spaß, und Lachen verbindet. In einer lockeren Atmosphäre erreichen Ihre Inhalte die Gäste, und darum geht es.

Erlebnis

Sie wissen, Liebe geht durch den Magen. Wie viele Vorträge kennen Sie, die durch den Magen gehen und alle Sinne ansprechen? Wecken Sie im Vortrag Emotionen, die das untermauern, was Sie sagen. Es geht mir nicht primär um das Erlebnis, sondern die aktive Unterstützung für Ihre Inhalte. Kleiden Sie Worte in bildreiche Geschichten. Ein Bild sagt mehr als 1.000 Worte. Und unterstützen Sie Bilder mit Erlebnissen, denn ein Erlebnis sagt mehr als 1.000 Bilder. Zeigen Sie Prototypen, Skulpturen und Gegenstände anschaulich und anfassbar. Schreiben Sie dazu ein Erlebnis-Drehbuch: Was sieht man? Was hört man? Was passiert? Der Blick über den Tellerrand ist langweilig, wenn Sie das geflügelte Wort nur sagen. Nehmen Sie hingegen auf der Bühne oder im Meeting einen Hammer und zerstören einen Teller, dann ist Ihnen die volle Aufmerksamkeit sicher. Sie aktivieren mehrere Sinne mit Ihrer inszenierten Überraschung. Sie gehen einen Schritt weiter als erwartet wird. Sie zücken Teller und Hammer, und alle denken, das wird er nicht tun. Und schon fliegen Hunderte Scherben über die Bühne. Was ist das emotionalere Erlebnis? Das Sprichwort oder die Scherben? Tun Sie das, womit keiner rechnet. Die Trümmer sind wie die Pointe bei einem Witz. Ihre Botschaft bleibt hängen.

Relevanz

Ist das Gesagte relevant für die Gäste? Alle Menschen stellen die entscheidende Frage: WaBriMiDa? Was bringt mir das? Sie können noch so viele Teller zertrümmern, wenn Ihre Botschaft keinen inhaltlichen Mehrwert liefert, dann verpufft die Wirkung. Menschen filtern sehr schnell nach relevant und nicht relevant. Was bedeutet Ihr Inhalt für Zuhörer? Sie müssen nicht sich selbst überzeugen, Sie wollen andere Menschen gewinnen. Sind Ihre Bilder, Geschichten und Erlebnisse für andere relevant? Ein Kunde schrieb mir: „Ihre Inhalte wurden bereits wiederholt in Besprechungen zitiert.“ Ziel erreicht. Ein Schüler startet 2016 auf Instagram goodnewsdeutsch, heute ist das die größte deutschsprachige Community für gute Nachrichten. Auf Facebook folgen über 110.000 Menschen, Berichte und Filme werden bis zu 61.000 Mal geteilt. Gute Nachrichten sind gewollt, weil sie relevant sind. Relevanz entscheidet über die Verbreitung Ihrer Botschaft.

Tabubruch

2018 hielt die 17jährige Emma Gonzales eine bewegende Rede vor Millionen Menschen, indem sie schwieg. Sie brach damit alle Erwartungen. Kurz zuvor war sie weltweit bekannt geworden mit einer wortgewaltigen und wütenden Rede. Alle erwarten wieder diese kraftvollen Emotionen, doch sie schwieg. Extrem mutig. Sie schwieg sechs Minuten lang, so lange, wie das Massaker in Parkland, Florida gedauert hatte, bei dem 17 Schüler und Lehrer starben. Zwei Tabubrüche in zwei Reden, die Millionen Menschen bewegt haben.

2015 zeigte EDEKA im Advent auf Youtube die Einsamkeit von Senioren zu Weihnachten. Niemand hatte das Thema zuvor so brillant in 100 Sekunden auf den Punkt gebracht. Der Werbespot „Heimkommen“ bekam in zehn Tagen 40 Millionen Klicks. Weltweit wurde über den neuen Mut in der deutschen Werbung berichtet.

2014 brach mein Buch „Mythos Fachkräftemangel“ ein Tabu. Ich stellte gut begründet auf 240 Seiten das Modewort infrage. Mein Input drehte eine 45minütige ARD-Reportage um, aus dem ursprünglichen Titel „Fachkräftemangel“ wurde „Das Märchen vom Fachkräftemangel“.

Umdrehen

Alles lässt sich umdrehen. Zack ist es neu. Nicht gleich sinnvoll. Neues muss zuerst sinnlos wirken, sonst wäre es nicht neu. Umdrehung schafft Aufmerksamkeit. 14.000 Mitarbeiter in der ambulanten Pflege organisieren sich selbst und planen ihr Tagesgeschäft in Teams. Es gibt kein Management. Durch das Beispiel kann niemand sagen, es ginge nicht. Die Umdrehung wird zum Wow. In Norwegen läuft das Grundbuchamt auf einer Blockchain. Die Anmeldung von Immobilien dauert nur noch wenige Tage statt zuvor sechs Monate. Noch ein Wow. Mit Wow-Inhalten gehen Ihre Gäste aus der Veranstaltung. Der Nutzen überzeugt. Das bleibt hängen.

Umdrehen rüttelt an Überzeugungen. Sie schaffen Platz für neue Inhalte. Es gibt kein Vakuum. Alles ist zu 100 Prozent ausgelastet. Alle Plätze besetzt. Die Meinungen von Menschen stehen fest. Vorträge, die über den Mainstream hinausgehen, greifen Gewohnheiten an. Mit Provotainment polarisiere ich und begeistere. Nie alle, aber alle, die etwas bewegen wollen. Ziel erreicht.

 

Hinweis:

Bild-Nachweis: Personal-Kongress

Martin Gaedt
Martin Gaedt

Martin Gaedt ist Autor von „Mythos Fachkräftemangel“ (2014) und „Rock Your Idea“ (2016), Preisträger „Land der Ideen“ (2012) und „Alternativer Wirtschaftsbuchpreis“ (2016). Er ist Unternehmer, Provotainment-Trainer und Keynote-Speaker. Seit 1997 prägt er Innovationen in Unternehmen, Netzwerken und im Arbeitsmarkt. Er provoziert und regt unterhaltsam zum Nachdenken an.