Willkommen, Digital Natives

Gastbeitrag von | 09.03.2020 | Projektmanagement | 0 Kommentare

Immer wieder haben Sie die Verstärkung Ihres überlasteten Projektteams gefordert. Stellen Sie sich vor: Heute ist es so weit. Gleich zwei Neue stehen vor Ihnen – Lisa mit keckem Pferdeschwanz und geschlitzten Jeans und Tobias mit Basecap und Ohrring, beide frisch vom Studium. Während Sie Hände schütteln, schwanken Sie zwischen Freude und leichter Beunruhigung. Sie fragen sich: Wie gehe ich am besten mit denen um? Denn schon oft haben Sie gehört, dass die sogenannten „Digital Natives“ ganz anders ticken als die langjährigen Mitarbeiter. Aber stimmt das?

Digital Natives – ein Schlagwort wird erfunden

Wer sind die Digital Natives („Digitale Eingeborene“) überhaupt?

Diesen Begriff erfand der amerikanische Bildungsberater Marc Prensky nach der Jahrtausendwende. Damals waren die Leistungen amerikanischer Schüler stetig abgesackt. Prensky sah die Ursache darin, dass die traditionelle Wissensvermittlung nicht mehr zum Denken von Jugendlichen passte, die mit Digitaltechnologien aufwuchsen.1

Später wurde recht willkürlich festgelegt: Digital Natives sind die ab 1980 Geborenen. So entsprechen sie in etwa den Generationen Y und Z, die von den Soziologen unterschieden werden.

Ihnen stehen die „Digital Immigrants“ gegenüber – geboren vor 1980 und damit zugehörig zu den Generationen X und Babyboomer.

Diese strikte Unterscheidung ist fragwürdig, weil sie Menschen unabhängig von ihren realen Kompetenzen und Werten in zwei Schubladen sortiert. Außerdem wird sie empirisch kaum gestützt. Mehrere neue Studien fanden nur geringfügige Unterschiede zwischen Beschäftigten verschiedener Generationen – teilweise sogar in unerwarteter Richtung. Dass heute vor allem die jungen Leute nach Sinn in der Arbeit suchen, erwies sich zum Beispiel als Mythos.2

Dennoch verbreitete sich der handliche Begriff der Digital Natives rasant. Zuerst in den Medien, dann auch in der Managementliteratur. So zog er in die Personalabteilungen ein, die zunehmend nach Fachkräften suchen und dabei vor allem die Digital Natives umwerben.

Wie sich die Digital Natives selbst sehen

Der Jungunternehmer Alex T. Steffen beschreibt, wie er und seine Freunde gern arbeiten:3

  • Sinnorientiert und mitbestimmend
  • Kundenorientiert statt prozessfixiert
  • Flexibel, freiheitsliebend und erlebnisorientiert
  • Vernetzt und kollaborativ – mithilfe von Technologien und mit dem Ziel des Teilens

Viele Digital Natives lieben Fairness, Wir-Gefühl und Gemeinschaft und Zusammenarbeit in selbstorganisierten Teams. Von Konkurrenz halten sie wenig. Digitale Neuerungen nehmen sie schnell in ihr Leben auf. Besonders wichtig ist ihnen, oft und klar Feedback zu erhalten. Denn schließlich sind sie diese kurzen Reaktionszeiten aus den Sozialen Medien gewohnt. Gern geben sie auch selbst Feedback – direkt oder auf Plattformen wie auf dem Arbeitgeber-Bewertungsportal Kununu.

Übrigens trifft diese Selbstbeschreibung eines Digital Natives längst nicht auf alle jungen Leute seiner Generation zu, sondern vor allem auf junge Hoch- und Fachschulabsolventen gefragter Richtungen.

Digital Natives, Digital Immigrants: Was sie unterscheidet, was sie eint

Oft werden Digital Natives und Digital Immigrants unterschiedliche Haltungen zur Arbeit zugesprochen:4

  • Motiv für hohen Arbeitseinsatz: Während Digital Immigrants sich vor allem aus Pflichtgefühl engagieren, motiviert Digital Natives die Freude an der Arbeit.
  • Karriere: Während Digital Immigrants eher der berufliche Aufstieg in der Hierarchie anzieht, neigen die Digital Natives zur „sanften Karriere“, die auch horizontale Wechsel und Auszeiten einschließt.
  • Bildung: Während Digital Immigrants auf die lebenslange Reichweite von Studium oder abgeschlossenen Berufsausbildung bauen, setzen Digital Natives auf lebenslanges Lernen.

Weitere Unterschiede betreffen die Orientierung an kollektiven oder individuellen Mustern, die Haltung zu Hierarchien und Autoritäten, die Kommunikation, das Verhältnis zwischen Beruf und Privatleben sowie die Job-Sicherheit.

Runzeln Sie jetzt die Stirn und fragen sich, ob das in jedem Fall stimmt? Sie haben Recht, denn die oben genannten Gruppenunterschiede beschreiben nur Tendenzen – gemittelt über viele Personen aus zwei Gruppen. Sie sagen wenig über den Einzelnen aus.

Übrigens teilen Jüngere wie Ältere wichtige Werte und Erwartungen an gute Arbeit: Alle wünschen sich gleichermaßen Transparenz, Offenheit und Wertschätzung.5 Richten Sie als Führungskraft oder erfahrene Fachkraft Ihre Kommunikation vor allem daran aus – egal, ob Sie mit Digital Natives oder Digital Immigrants sprechen.

Test: Wie ticken Sie?

Ich lade Sie zu einem kleinen Selbsttest ein. Wo ticken Sie eher wie ein Digital Native, wo wie ein Digital Immigrant?

Vergeben Sie bitte für jede Zeile der folgenden Tabelle insgesamt fünf Punkte, die Sie auf beide leere Spalten verteilen – je nachdem, wie stark die jeweilige Aussage zutrifft (0 Punkte gar nicht, 5 Punkte: voll und ganz).

Beispiel (Zeile 1): Wenn Sie sich vorwiegend an kollektiven Normen orientieren und nur selten an ihren individuellen Vorstellungen, tragen Sie unter DI-Punkte „4“ und unter DN-Punkte „1“ ein. Die Summe aller Punkte pro Zeile beträgt 5. Insgesamt vergeben Sie also 40 Punkte.

Digital Immigrants DI-Punkte Digital Natives DN-Punkte
Ich orientiere mich … an kollektiven Normen und Mustern an meinen individuellen Vorstellungen
Ich engagiere mich … aus Pflichtgefühl weil mit die Arbeit Freude macht
Der Aufstieg auf der Karriereleiter … ist ein wichtiges Ziel für mich ist mir unwichtig
Meine Führungskraft … akzeptiere ich voll und ganz hinterfrage ich
Kontinuierliches Lernen … ist mir unwichtig ist für mich wesentlich
Ich kommuniziere am liebsten … direkt und per E-Mail direkt und über Social Media (oder Kollaborationtools)
Beruf und Privatleben … trenne ich strikt vermische ich
Meine Job-Sicherheit suche ich … in der langfristigen Bindung an ein einziges Unternehmen im ständigen Ausbau meiner Beschäftigungs-Chancen
Punktsumme

Auswertung:

Liegt die Summe Ihrer DI-Punkte über der Summe der DN-Punkte? Dann ticken Sie eher wie ein „typischer Digital Native“. Andernfalls sind Sie eher wie ein „typischer Digital Immigrant“ unterwegs. Wenn beide Summen um den Mittelwert von 20 herum liegen, haben Sie gemischte Vorlieben. Und all das hat wenig bis nichts mit ihrem Geburtsjahr zu tun.

Wie gefällt Ihnen, was Sie sehen? Wo möchten Sie vielleicht eine Kleinigkeit verändern?

Wie Sie entspannt mit den Digital Natives umgehen

Drücken Sie also Ihren jungen Mitarbeitern keinen Stempel auf die Stirn; erfragen Sie lieber deren Meinung. Wo lässt sich ein Prozess vereinfachen, wie gestaltet man Meetings kreativer? Hier können wir uns gern von den Digital Natives anregen lassen, weil diese mit frischem Blick auf Althergebrachtes im Unternehmen schauen.

Wenn also wieder einmal jemand sagt: „Das geht bei uns auf keinen Fall“ oder „Das haben wir schon immer so gemacht“, ist es eine gute Idee, Digital Natives hinzuzuziehen. Dabei gönnen Sie sich und Ihrem Team einen ungewohnten Luxus: Kritisch mit tradierten, aber nicht mehr hilfreichen Denk- und Verhaltensweisen umgehen. Altes „entlernen“.

Außerdem haben viele Digital Natives vernetzte Methoden der Zusammenarbeit gelernt. Soll beispielsweise ein digitales Kollaborationtool wie Slack oder Teams im Projekt eingeführt werden, lassen Sie sich doch einfach von Ihrer jungen Kollegin dabei unterstützen.

Wichtig: Geben Sie Ihren jungen Mitarbeitern unbedingt zeitnah und häufig Feedback. Wie wäre es, wenn auch Sie selbst um Feedback bitten? Lassen Sie sich überraschen!

Als gestandene Führungskraft oder Fachprofi haben Sie vielleicht sogar Lust, einem Digital Native mit Ihrem Erfahrungswissen unter die Arme zu greifen und sich gleichzeitig von dessen frischem Blick und Fachwissen inspirieren zu lassen. Eine effektive Methode dafür ist Mentoring, kombiniert mit Reverse Mentoring. Während es beim konventionellen Mentoring um Wissenstransfer vom Mentor zum Mentee geht, ist es beim Reverse Mentoring anders herum. Warum nicht diese beiden Wege koppeln?

Zurück zu Lisa und Tobias, Ihren hypothetischen neuen Mitarbeitern vom Anfang. Vielleicht laden Sie ja eines Tages die beiden auf ein Feierabend-Bier oder Aperol ein. Fragen Sie, was ihnen wichtig ist und wovon sie träumen. Wenn Sie mögen, erzählen auch Sie von dem, was Sie beschäftigt – auf Augenhöhe. Wenn Sie sich wirklich interessieren, kann etwas Magisches geschehen: Sie lernen die jungen Leute wirklich kennen – jenseits der Klischees. Und vielleicht passiert ja umgekehrt genau das Gleiche.

Zusammenfassung

  • „Digital Natives“ und „Digital Immigrants“ sind unscharfe Begriffe. Sie sagen wenig über Motive, Fähigkeiten und Verhalten Einzelner aus.
  • Setzen Sie auf das gemeinsame Wertefundament Transparenz, Offenheit und Wertschätzung, um alle Teammitglieder zu motivieren. Was Ihren jungen Mitarbeitern sonst noch wichtig ist, erfragen Sie am besten.
  • Viele Digital Natives handeln flexibel, gut vernetzt, digital fit und experimentierfreudig. Gehen Sie als erfahrener Profi aufgeschlossen auf diese zu und lassen Sie sich anregen.
  • Stellen Sie im Gegenzug Ihre reiche Praxiserfahrung, Ihre sozialen und Fach-Kompetenzen zur Verfügung. Wenn Sie mögen, bieten Sie Mentoring an.
  • Vor allem: Schenken Sie zeitnahes, häufiges und wertschätzendes Feedback. Es wirkt Wunder – nicht nur bei Digital Natives.

 

Hinweise:

Dieser Blogbeitrag lehnt sich an ein Kapitel aus dem neuen Buch Willkommen in der Welt der Digital Natives: Wie Sie als erfahrene Arbeitskraft Ihre Stärken ausspielen von Dr. Christine Radomsky an.

Willkommen in der Welt der Digital Natives

 

[1] Prensky, Marc (2001). Digital Natives, Digital Immigrants. Abgerufen 27. Februar 2020, von www.marcprensky.com/writing/Prensky – Digital Natives, Digital Immigrants – Part1.pdf
[2] LinkedIn. (2016). Purpose at Work: Global Report. Abgerufen 2. März 2019, von business.linkedin.com/content/dam/me/business/en-us/talent-solutions/resources/pdfs/purpose-at-work-global-report.pdf
[3] Schüller, A. M., & Steffen, A. T. (2017). Fit für die Next Economy: Zukunftsfähig mit den Digital Natives (1. Auflage). Weinheim: Wiley-VCH Verlag
[4] Rump, J., & Eilers, S. (2015). Das Miteinander der Generationen am Arbeitsplatz. Informationsdienst Altersfragen, 42(1), 10–18
[5] Klös, Jans-Peter et al. (2016). Die neue Generation. Abgerufen 4. Mai 2019, von www.romanherzoginstitut.de/publikationen/detail/die-neue-generation.html
[6] Radomsky, Christine (2019). Willkommen in der Welt der Digital Natives: Wie Sie als erfahrene Arbeitskraft Ihre Stärken ausspielen. München: Redline Verlag

Bildnachweis Dr. Christine Radomsky: Anette Hammer, Freistil Fotografie

Dr. Christine Radomsky
Dr. Christine Radomsky

Dr. Christine Radomsky ist IT-Ingenieurin, promovierte Physikerin und Karrierecoach. Viele Jahre leitete sie Teams der Software-Entwicklung und Validierung in Konzernen der Telekommunikation und Bahntechnik. Im Tandem mit einem französischen Kollegen managte sie internationale Projekte im Software Engineering. Heute unterstützt sie berufserfahrene Fach- und Führungsprofis mit Coachings und Onlinekursen, sich im digitalen Wandel der Arbeitswelt beruflich neu zu orientieren.

Ihr Buch "Willkommen in der Welt der Digital Natives: Wie Sie als erfahrene Arbeitskraft Ihre Stärken ausspielen" erschien im November 2019 im Redline Verlag.

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