Mitarbeitende in ihren 30ern verstehen

Gastbeitrag von | 03.07.2023

Seit einiger Zeit erlebe ich ein Déjà-vu. Ständig finde ich mich in ähnlichen Konversationen mit Freund*innen und Bekannten wieder. Was alle Gespräche eint, ist die Grundstimmung, die eine gewisse Schwere und Unsicherheit vermittelt. Herausforderungen wie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Work-Life-Balance oder auch eine generelle Erschöpfung tauchen als Themen immer wieder auf. Vor allem aber sticht ein verbindendes Element hervor: Meine Gesprächspartner*innen sind alle in ihren 30ern. Mich treibt die Frage um, was die Lebensphase ausmacht, die so viele Menschen in meinem Umfeld derzeit durchleben und wie sich diese auf die Arbeitswelt auswirkt.

Ist das die Midlife-Crisis?

Wir alle haben schon einmal von der “Midlife-Crisis” gehört. (Der Begriff scheint mir generell sehr pathetisch, wegen seines Wiedererkennungswertes leistet er hier aber gute Dienste.) Oft wird sie beschrieben als eine Phase der Sinnsuche im Alter jenseits von 40 Jahren. Gängigen Definitionen nach verspüren Betroffene den Drang, die bisherige Lebensweise zu hinterfragen und sich auf die Suche nach einem neuen Sinn zu begeben.¹

Im gleichen Zusammenhang wird oft die Zufriedenheitskurve des Lebens genannt. Nach einer Studie von David Blanchflower und Andrew Oswald aus dem Jahr 2008, lässt sich die Zufriedenheit von Individuen im Verlauf ihres Lebens als U-Kurve beschreiben.² Der Tiefpunkt tritt ihren Erkenntnissen nach in der Mitte des Lebens (also um die 40) auf. Theorien zu den Gründen gibt es verschiedene. Eine davon besagt, dass sich die Zufriedenheit mit der Zugehörigkeit zum Arbeitsmarkt verschlechtert (mehr und mehr Lebenskapazität wird vom Beruf beansprucht). Anfang 50 sollte die Zufriedenheit demnach wieder ansteigen, weil sich die Früchte jahrelanger harter Arbeit (finanzielle Sicherheit und etablierter Ruf) auszahlen und gleichzeitig Phasen der intensiven Kindererziehung zum Ende kommen. Eine andere Erklärung besagt, dass wir tendenziell mit unrealistischen Erwartungen in das Erwachsenenleben eintreten und bis zur Mitte des Lebens schmerzhaft erkennen müssen, dass die Realität bzw. Möglichkeiten, die uns offen stehen, andere sind. Sobald dieser Realismus mit ungefähr 50 etabliert ist, steigt die Zufriedenheitskurve entsprechend wieder an.

Handelt es sich um ein Problem der Millennials?

Nun aber wieder zurück zu den Mittdreißiger*innen, deren Schwere und Unsicherheit ich eingangs beschrieben habe: Es gibt die Hypothese, dass die Midlife-Crisis für jüngere Generationen (wie z.B. den Millennials – Geburtenjahrgang 1980 – 1999) schon in den 20ern eintreten kann. Die Geschwindigkeit und der Druck zum Zeitpunkt der schulischen und beruflichen Ausbildung sind gestiegen und somit tritt auch der Tiefpunkt der Zufriedenheitskurve früher zutage. Stetiger und schneller Wandel führen zu Ängsten und dem Wunsch nach mehr Stabilität. So ergibt sich ein neues Krisenbild für jüngere Menschen, die ein Leben als Getriebene hinter sich lassen wollen.

Was macht die Lebensphase Mitte 30 aus?

Nachdem ich mich etwas mehr mit der klassischen Midlife-Crisis als auch mit den Herausforderungen von Millennials auseinandergesetzt habe, kann ich zwar Aspekte wiedererkennen, die anteilig eine Rolle spielen, so richtig deckt sich aber beides nicht mit der Lebenssituation, über die ich momentan immer wieder Gespräche führe. Ich versuche also, hier selbst mal einige wiederkehrende Charakteristika zusammenzutragen:

Aus der Zauber

Die ersten Jahre im Arbeitsleben sind vorüber und der anfängliche “Zauber” der Berufstätigkeit ohne temporäre Begrenzung sind verflogen. Folgende Fragen kommen auf:

  • Geht das jetzt immer so weiter?
  • Wann kommt denn mal eine größere Pause?
  • Habe ich die richtigen Weichen für meine berufliche Zukunft gestellt?

Work-Life-Balance

Es wird deutlich, dass der bisherige Modus an Fremd- und Selbstbestimmung nicht dem entspricht, was zufrieden stellt. Gewohnheiten zu ändern und Erwartungen an sich selbst oder die anderer zu enttäuschen, ist aber mindestens genauso unangenehm.

Finanzielle Vorsorge im Nacken

Mittlerweile ist ein gewohntes Maß an Einkommen da und es stellt sich die Frage, wie man dieses am besten nutzt und für die Zukunft anlegt:

  • Welche Investitionen lohnen sich?
  • Wie viel Geld will ich für Genuss im Alltag ausgeben?
  • Für welche größeren Wünsche will ich sparen?

Die Familienplanungsuhr tickt

Diejenigen, denen es gesundheitlich möglich ist, entscheiden darüber, ob das Gründen einer Familie im Lebensplan vorgesehen ist und müssen in diesem Zusammenhang weitere schwerwiegende Entscheidungen treffen, wie z.B. inwiefern Familie und Arbeitsleben im aktuellen Beruf vereinbar sind oder ob sich ein Wohnortswechsel lohnt.

Stadtkind oder Landei

Nach verschiedenen Wohnerfahrungen während Studium und Berufseinstieg tut sich im Zuge der Familienplanung oder vielleicht auch im Zusammenhang mit Pflegeverantwortung für andere Angehörige die Frage nach dem dauerhaften Wohnsitz auf. Von einer 100 Prozent-Lösung habe ich hier selten gehört.

Rollentausch

Dass die eigenen Eltern oder Verwandte älterer Generationen Unterstützung im Alltag benötigen, wird für viele Menschen in ihren 30ern zum ersten Mal ein Thema. Auch die Themen Tod und Trauer rücken mehr ins Zentrum der eigenen Erfahrungswelt.

Gesundheit und Fitness

Krankheiten oder Verletzungen spielen in den 30ern oft zum ersten Mal auch in Bezug auf den eigenen Körper eine stärkere Rolle. Die körperliche Belastbarkeit und Regenerationsfähigkeit nimmt ab und diese Erkenntnis will verarbeitet werden.

Vielleicht lässt sich die Phase, die ich beobachte, folgendermaßen beschreiben: Während wir mit 20 im Explorationsmodus und hochmotiviert viele Dinge zum ersten Mal ausprobieren, müssen wir das in dieser Lebensphase ganz unfreiwillig wieder tun, verspüren dabei großen Respekt und müssen gleichzeitg einen Haufen an schwierigen Entscheidungen treffen, die sich nicht nur auf uns, sondern auch auf uns nahestehende Personen auswirken.

Was bedeutet das für Menschen in Organisationen?

Das Ganze kann man jetzt privat interessant finden oder auch nicht. Ich schreibe diesen Text nun aber als Blogbeitrag für Menschen in Organisationen. Warum?

Ich glaube, es ist für inklusive Organisationen von Bedeutung, sich mit den Lebensphasen auseinanderzusetzen, in denen sich ihre Mitarbeitenden befinden:

  1. Um ganz banal niemanden ungewollt zu diskriminieren, indem Arbeitsplätze geschaffen werden, die Menschen mit obenstehenden Lebensthemen ausschließen.
  2. Um zwischenmenschliche Interaktionen und Teamarbeit aufmerksam gestalten zu können und somit Teamgefühle stärken zu können.
  3. Um Benefits im Sinne des Employer Brandings tatsächlich bedarfsorientiert ausrichten zu können.

Fazit

Seit geraumer Zeit beobachte ich die Herausforderungen von Menschen in ihren 30ern und glaube, dass diese sich auch im Arbeitsalltag auswirken und berücksichtigt werden sollten. Wenn ich einen Aufruf machen darf, wäre es der, auf der Arbeit mehr Gespräche mit Kolleg*innen darüber anzustoßen, an welchem “Lebensstandort” sie sich befinden und welche Bedürfnisse dadurch entstehen. Wie immer hilft mehr Verständnis dabei, besser zusammenzuarbeiten.

 

Hinweise:

Wollen Sie die Zusammenarbeit in Ihrer Organisation verbessern, dann ist Jenny Pfeifer eine sehr gute Ansprechpartnerin. Hier finden Sie eine gelungene Übersicht, was Chili and Change für Sie tun kann.

[1] GEO: Krise in der Lebensmitte: Wie der Aufbruch gelingen kann
[2] Pubmed: Is well-being U-shaped over the life cycle?

Best of Blog Beitrag 2023
Dies ist ein Best of Blog 2023 Beitrag. Hier können sie die besten Beiträge aus 2023 herunterladen.

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Jenny Pfeifer
Jenny Pfeifer

Jenny Pfeifer hat Personalentwicklung und Kommunikationsmanagement im Master studiert und danach ihren Weg in die Welt der agilen Zusammenarbeit gefunden. Sie bringt mehrjährige Erfahrung als Agile Coach in der IT-Branche mit und hält verschiedene Zertifikate im Bereich Scrum und SAFe. Mittlerweile arbeitet sie als Change Consultant und Leadership Trainerin bei der Beratung Chili and Change.

Im Alltag unterstützt sie Teams, Unternehmen und Führungskräfte auf dem Weg zur modernen Zusammenarbeit und geteilten Führung. Ihre Motivation zieht sie aus Erleuchtungsmomenten bei ihr selbst und ihren Kund*innen dazu, wie die Arbeitswelt von heute gestaltet werden kann.