Führen als Junior-Produktmanager

Gastbeitrag von | 26.01.2026

Wie gewinnen Sie als Junior-Produktmanager Einfluss ohne Führungsrolle?

Sie sitzen mit Ihrem Team zusammen und besprechen die nächste Produkterweiterung. Eine komplexe User Story steht im Mittelpunkt, doch zentrale Entscheidungen sind noch offen. Zwei Senior-Developer diskutieren Architekturfragen. Die UX-Kollegen haben erste Entwürfe vorbereitet. Beides ist wichtig, trifft den Kern des Problems aber noch nicht. Ihre Idee, das Thema konsequent aus Nutzersicht zu betrachten, liegt auf der Hand. Trotzdem zögern Sie und fragen sich, ob jetzt der richtige Moment ist, ob Ihre Perspektive wirklich zählt und ob Sie als Junior überhaupt Einfluss nehmen können.

Solche Situationen begegne ich regelmäßig in der Arbeit mit jungen Produktmanagern. Der Einstieg ins Produktmanagement ist von einer besonderen Spannung geprägt. Sie sollen Verantwortung übernehmen, Entscheidungen vorbereiten und Prioritäten setzen, ohne eine formale Führungsrolle zu haben. Viele Juniors empfinden das als Widerspruch. Sie möchten liefern und ernst genommen werden, fühlen sich selbst aber noch nicht vollständig angekommen in ihrer Rolle.

Genau in diesen Momenten beginnt Leadership. Nicht als Titel und nicht durch Hierarchie, sondern durch Verhalten. Leadership zeigt sich, wenn Sie Klarheit schaffen, Prioritäten erläutern, die richtigen Fragen stellen und Zusammenhänge sichtbar machen. Auf diese Weise entsteht Einfluss. Auch ohne formale Macht.

Die fünf Machtformen und ihre Bedeutung für Junior-Produktmanager

Leadership ist kein offizieller Titel. Sie entsteht in der täglichen Zusammenarbeit mit crossfunktionalen Teams, Stakeholdern, Nutzern und dem Management. Als Junior-Produktmanager verfügen Sie in der Regel über keine disziplinarische Macht. Ihr Einfluss ergibt sich vor allem aus zwei Hebeln: Ihrer persönlichen Wirkung und Ihrer fachlichen Expertise.

Diese Mechanismen sind seit vielen Jahrzehnten Gegenstand der Forschung. French und Raven beschreiben fünf Machtquellen, die in Organisationen wirken und erklären, warum Menschen einander folgen und wodurch Einfluss gestärkt oder geschwächt wird. [1] Für junge Produktmanager sind diese Erkenntnisse besonders wertvoll, weil sie zeigen, wo Einfluss entstehen kann, auch ohne formale Führungsrolle.

1. Legitimate Power

Legitimate Power entsteht aus einer formalen Position. Junior-Produktmanager besitzen davon naturgemäß wenig. Dennoch kann diese Form von Macht wachsen, wenn Rollen klar definiert sind und das Team versteht, wofür Sie verantwortlich sind. Wenn Sie als Moderator von Entscheidungen auftreten und Informationen strukturiert vorbereiten, wird Ihre Rolle zunehmend als legitim wahrgenommen.

2. Reward Power

Reward Power basiert auf Belohnung. Produktmanager können in der Regel weder Gehaltserhöhungen noch Beförderungen vergeben. Sie können jedoch Anerkennung sichtbar machen, Verantwortung teilen und Beiträge anderer bewusst hervorheben. Diese Form der Wertschätzung stärkt Beziehungen und fördert Motivation im Team.

3. Coercive Power

Coercive Power beruht auf Bestrafung. Für Produktmanager ist sie kaum geeignet und in crossfunktionalen Teams nicht zielführend. Studien zeigen, dass diese Form von Macht langfristig Vertrauen untergräbt und Widerstände erzeugt. Für Junior-Produktmanager ist sie daher keine sinnvolle Option.

4. Expert Power

Expert Power zählt zu den wirksamsten Einflussquellen junger Produktmanager. Wenn Sie Nutzerverhalten erklären, Daten einordnen, Markttrends erkennen oder Risiken klar benennen, entsteht Wirkung. Fachliche Expertise schafft Vertrauen und erhöht die Bereitschaft anderer, Ihrer Einschätzung zu folgen.

5. Referent Power

Referent Power entsteht durch Persönlichkeit, Integrität und verlässliche Zusammenarbeit. Menschen orientieren sich an Personen, denen sie vertrauen und mit denen sie gerne arbeiten. Diese Form von Macht ist besonders wertvoll, weil sie nicht an eine Rolle gebunden ist, sondern durch konsistentes Verhalten wächst.

Diese fünf Machtformen bilden das Fundament moderner Leadership bei Juniors. Sie ermöglichen Wirkung ohne formale Autorität und helfen, Vertrauen und Einfluss gezielt aufzubauen. In der eingangs beschriebenen Situation nutzt der Junior-Produktmanager seine Expert Power noch nicht. Verlässliche Daten, fundierte Kundengespräche und ein klares Verständnis des Nutzerverhaltens hätten dazu beitragen können, das Problem aus einer neuen Perspektive zu lösen und die Diskussion voranzubringen.

Wo Macht in Organisationen wirkt und warum Junior-Produktmanager seitlich führen

In der Organisationsforschung werden vier Richtungen von Einfluss beschrieben: nach oben, nach unten, seitlich und nach außen. Produktmanager bewegen sich dabei überwiegend seitlich. Sie arbeiten in einem Umfeld, in dem sie Experten, Stakeholder und unterschiedliche Fachbereiche miteinander koordinieren. Gleichzeitig wirken sie nach außen, etwa im Austausch mit Nutzern oder externen Partnern.

Diese besondere Position führt zu typischen Situationen im Arbeitsalltag:

  • Sie erklären Prioritäten, obwohl andere mehr Erfahrung mitbringen.
  • Sie benennen Risiken, obwohl Ihnen nicht alle Informationen vorliegen.
  • Sie moderieren Entscheidungen, die formell von jemand anderem getroffen werden.

Solche Situationen können verunsichern. Gleichzeitig machen sie deutlich, wie wichtig Soft Power im Produktmanagement ist.

Soft Power beschreibt eine Form von Einfluss, die aus Überzeugung entsteht und nicht aus Kontrolle. Sie stärkt Beziehungen, reduziert Konflikte und unterstützt tragfähige Entscheidungen. Für Junior-Produktmanager ist Soft Power besonders wertvoll, weil sie Orientierung schafft, ohne dominant aufzutreten.

Soft Power entsteht, wenn Sie

  • die Perspektiven anderer ernst nehmen,
  • aktiv zuhören,
  • klar und präzise kommunizieren,
  • Informationen strukturiert aufbereiten,
  • Zusammenhänge verständlich erklären und
  • Entscheidungen nachvollziehbar machen.

In crossfunktionalen Teams ist diese Art von Einfluss häufig wirksamer als jede formale Macht. Übertragen auf das eingangs beschriebene Beispiel bedeutet das: Nachdem die Senior-Developer und das UX-Team ihre Sichtweisen eingebracht haben und Sie aufmerksam zugehört haben, bündeln Sie die Informationen und machen Zusammenhänge sichtbar. Indem Sie offene Fragen klar benennen, entsteht eine gemeinsame Ausgangsbasis. Der anschließende Perspektivwechsel hin zur Nutzersicht wirkt dadurch logisch und für alle nachvollziehbar.

Konkrete Alltagssituationen für Leadership ohne Führungsrolle

Um Einfluss ohne formale Führungsrolle zu entwickeln, lohnt sich ein Blick auf typische Situationen aus dem Alltag von Junior-Produktmanagern. Gerade hier zeigt sich, wie Leadership im Kleinen entsteht.

Wenn Ihre Idee nicht gehört wird

Sie schlagen eine Lösung vor, doch die Diskussion geht weiter, ohne darauf einzugehen. Später bringt ein Senior-Developer denselben Vorschlag ein und erhält Zustimmung. Solche Momente sind frustrierend und vielen Juniors vertraut. Entscheidend ist hier fachliche Klarheit und gute Verankerung. Wenn Sie Ihre Idee mit Nutzerdaten verbinden und an einem konkreten Beispiel erläutern, steigt die Chance deutlich, dass Ihr Beitrag wahrgenommen und aufgegriffen wird.

Wenn Entscheidungen über Ihren Kopf hinweg getroffen werden

Das Management ändert die Roadmap, ohne Sie einzubeziehen. Sie fühlen sich übergangen. Leadership zeigt sich in dieser Situation nicht durch Widerstand, sondern durch Einordnung. Wenn Sie den Kontext verstehen, die Auswirkungen erklären und das Team durch die Veränderung begleiten, schaffen Sie Orientierung. Sie müssen die Entscheidung nicht gutheißen, können aber helfen, sie einzuordnen und handhabbar zu machen.

Wenn alle etwas von Ihnen wollen

Externe Stakeholder melden kurzfristige Anforderungen an. Marketing benötigt Daten. Der Vertrieb hat dringende Wünsche. Die Entwickler brauchen Klärung. In solchen Phasen sind Priorisierung, klare Kommunikation und das Setzen von Grenzen entscheidend. Ein begründetes Nein ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Verantwortung.

Wenn Sie neu im Team sind

Zu Beginn möchten Sie einen guten Eindruck hinterlassen und Vertrauen aufbauen. Gleichzeitig ist Unsicherheit ganz normal, denn die Dynamiken im Team sind Ihnen noch nicht vertraut und umgekehrt ebenso. Vertrauen entsteht in dieser Phase vor allem durch Klarheit und ein authentisches Auftreten. Wenn Sie offen benennen, was Sie bereits verstehen, was noch unklar ist und welche nächsten Schritte Sie planen, geben Sie Ihrem Umfeld Orientierung. Klare Erwartungen an Rollen, Zusammenarbeit und Verantwortlichkeiten helfen zudem, Missverständnisse früh zu vermeiden.

Diese Alltagssituationen machen deutlich, dass Leadership im Produktmanagement kein Titel und keine formale Rolle ist. Sie entsteht im täglichen Handeln. Jeder Austausch, jede Entscheidung und jeder Moment, in dem Sie Struktur schaffen oder Perspektiven zusammenführen, stärkt Ihre Führungswirkung. Leadership ist dabei weniger ein einzelner Schritt als ein kontinuierliches Einüben von Haltung, Klarheit und Verantwortung. Tag für Tag.

Zehn Kernkompetenzen, die Sie als Junior-Produktmanager sofort trainieren können

In persönlichen Gesprächen werde ich häufig gefragt, ob ein ruhiges, beobachtendes Auftreten als Schwäche wahrgenommen wird. Meine Antwort lautet: Es kommt darauf an, wie dieses Verhalten gelebt wird. Beobachtendes Verhalten ist ein Vorteil, wenn Sie Muster erkennen, Diskussionen strukturieren und den richtigen Moment wählen, um einen konstruktiven Beitrag zu leisten. Haltung zeigt sich dabei nicht in Lautstärke, sondern in ruhiger Klarheit. Sie entsteht, wenn Sie Ihren Standpunkt sachlich begründen, andere Perspektiven zulassen und dennoch klar benennen, was Sie für richtig halten.

Für wirksames Leadership sind dabei vor allem folgende Fähigkeiten entscheidend:

  • Klare Kommunikation
  • Strukturierte Entscheidungsfindung
  • Empathie und Beziehungsaufbau
  • Konfliktfähigkeit
  • Selbstführung und Priorisierung
  • Verlässlichkeit
  • Reflexionsfähigkeit
  • Stakeholdermanagement
  • Argumentationsfähigkeit
  • Situatives Auftreten

Diese Kompetenzen lassen sich jederzeit trainieren. Sie benötigen keinen Titel und keine formale Führungsrolle, um damit zu beginnen.

Fazit: Wirkung entsteht im Alltag

Leadership im Produktmanagement beginnt nicht an dem Tag, an dem Sie erstmals ein Team führen. Sie entsteht in genau den Situationen, die wir zu Beginn beschrieben haben: wenn das Team tief in technischen und gestalterischen Details steckt, zentrale Fragen noch offen sind und Sie als Junior-Produktmanager überlegen, ob Ihre Perspektive relevant genug ist, um sie einzubringen.

Gerade in diesen Momenten zeigt sich, wie Leadership ohne Titel funktioniert. Wenn Sie die Diskussion aufgreifen, Informationen ordnen, Zusammenhänge sichtbar machen und das Problem aus Nutzersicht neu rahmen, entsteht Einfluss. Nicht, weil Sie dazu verpflichtet sind, sondern weil Sie Klarheit schaffen. Nicht durch Autorität, sondern durch Haltung.

Wirkung zeigt sich in Meetings, in denen Sie die richtigen Fragen stellen. In Entscheidungen, die Sie sorgfältig vorbereiten. Und in Situationen, in denen Sie Unsicherheit offen und professionell kommunizieren. Sie wächst, wenn Sie verstehen, wie Soft Power, Expert Power und Referent Power zusammenspielen, um Vertrauen aufzubauen und Orientierung zu geben.

Nutzen Junior-Produktmanager diese Hebel bewusst, entsteht nachhaltiger Einfluss. Auch ohne formale Führungsrolle.

Einfluss nehmen als Junior-Produktmanager ohne Führungsrolle

Abbildung: Einfluss nehmen als Junior-Produktmanager ohne Führungsrolle

Praxis-Tipp: Leadership mit Product Impulse stärken

Wenn Sie Ihre Leadership-Fähigkeiten vertiefen möchten, Sie Fabian Puls zur Impulse-Session: Produkt-Leadership ein. In dieser 3-stündigen Impulse-Session mit anschließendem individuellem Coaching lernen Sie, wie Sie Verantwortung übernehmen, strategisch handeln und im Unternehmen sichtbar Einfluss gewinnen – speziell für Junior-Produktmanager und Quereinsteiger. 

Hinweise und Quellen:

Haben Sie Interesse an einem Austausch mit Fabian Puls? Dann schreiben Sie ihn einfach auf LinkedIn an oder besuchen Sie seine informative Website.

[1] Luneberg, F.C. 2012. Power and leadership: an influence process. International Journal of Management, Business, and Administration. 15(1): 1-9.

Bal, V., Campbell, M., Steed, J. & Meddings, K. 2008. The role of power in effective leadership. Center for Creative Leadership. Available:

French, J.R.P., Jr. & Raven, B. 1959. The bases of social power. In Studies in social power. D. Cartwright, Ed. Ann Arbor, Michigan: Institute for Social Research, University of Michigan. 150-167.

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Hier finden Sie einen interessanten Artikel über die Frage: Was macht Entscheidungen so schwierig?

Fabian Puls hat einen weiteren Beitrag im t2informatik Blog veröffentlicht:

t2informatik Blog: Wie gelingt der erfolgreiche Einstieg ins Produktmanagement?

Wie gelingt der erfolgreiche Einstieg ins Produktmanagement?

Fabian Puls
Fabian Puls

Fabian Puls ist Gründer und Geschäftsführer der Product Impulse UG. Er bietet interaktive Live-Online-Kurse mit innovativen Lernmethoden an, die Teilnehmer aktiv einbeziehen und praxisnahes Lernen ermöglichen. Seine Kurse konzentrieren sich auf zentrale Themen des Produktmanagements wie Produktstrategie, Marktanalyse und agile Methoden und finden in kleinen Gruppen statt, um individuelle und nachhaltige Lernerfolge zu fördern.

Als Certified Product Manager (FH) und Professional Scrum Product Owner™ verbindet Fabian Puls fundiertes Methodenwissen mit langjähriger Erfahrung in nationalen und internationalen Projekten.

Außerdem ist er Gastgeber des Küstenimpuls Meetup, in dem sich Produktmanager regelmäßig zu aktuellen Themen austauschen.

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