Das Problem mit dem Problemdenken

Gastbeitrag von | 01.09.2022

Wie Sie aus dem Problemdenken aussteigen und sich Ihre Energie zurückholen

Wenn ich eine besonders energiezehrende Angewohnheit benennen sollte, die ich bei vielen Menschen beobachten kann, dann ist es das Problemdenken. Am Anfang der Zusammenarbeit mit meinen Kund:innnen steht immer eine Bestandsaufnahme, die Wirkungsanalyse. Da schauen wir uns an, welche Wirkung unser Verhalten in unterschiedlichen Situationen unseres Berufsalltags hat. Auf unser Wohlbefinden, unsere Motivation und Leistungsfähigkeit, auf unsere Produktivität und die Zusammenarbeit mit anderen. Positiv und negativ.

Beim Thema negative Wirkung steht das Problemdenken ganz weit vorne. Ich habe allerdings noch niemanden getroffen, der diese schädliche Angewohnheit nicht hatte. Inklusive mir selbst.

In diesem Artikel werde ich das Problemdenken und seine negativen Auswirkungen näher beleuchten. Welche Trigger zum Problemdenken führen und wie Sie diese erkennen. Und am Ende erhalten Sie drei Empfehlungen, mit denen Sie aus dem Problemdenken aussteigen und sich ihre Energie zurückholen.

Was ist Problemdenken?

Mit Problemdenken meine ich nicht nur den für jeden sichtbaren Bedenkenträger, der neue Lösungen in Meetings torpediert und ablehnt. Der permanent herumnörgelt und immer das Haar in der Suppe findet. Das gehört sicher auch zum Thema Problemdenken, ist aber nur die für andere sichtbare Spitze des Eisbergs.

Das Problemdenken geht viel tiefer, denn das ganze Ausmaß ist weitaus größer.

Ich meine damit vor allem die abwertenden, verurteilenden Selbstgespräche, die für andere unsichtbar und auch für uns selbst oft unbewusst ablaufen. Die negativen Gedankenschleifen, die in Gang kommen, wenn wir unter Druck stehen oder einen Fehler gemacht haben. Die uns unsere innere Ruhe, unsere Gelassenheit oder sogar den Schlaf rauben, oft, ohne dass uns die zugrunde liegende Ursache in der jeweiligen Situation überhaupt bewusst ist.

Was passiert, wenn wir im Problemdenken feststecken?

Wenn wir im Problemdenken feststecken, dann hat irgendetwas diese negativen Gedankenschleifen in Gang gesetzt. Das Problemdenken ist quasi ein inneres Programm, das automatisch gestartet wird, wenn bestimmte Dinge passieren:

  • Wenn mein Chef mir ganz nebenbei noch mehr Aufgaben auf den Tisch knallt. Ohne mich zu fragen, was ich sonst noch zu tun habe.
  • Wenn mein ganzer Tag mit Meetings gefüllt ist, die gefühlt nur wenig bis gar kein Ergebnis bringen, und mich von der eigentlichen Arbeit abhalten.
  • Wenn ich für eine Entscheidungsvorbereitung jede Menge Unterlagen erstellen muss, die sich am Ende dann doch keiner so genau ansieht.
  • Wenn ich morgens die 50 neuen E-Mails sehe, die in meinem Postfach auf meine Bearbeitung warten.

Ich selbst hatte einmal in einem meiner Projekte mit einem Bereichsleiter zu tun, der wie das berühmte Alphatierchen auftrat. Dieser Mann brauchte nur mein Büro zu betreten und schon kam ich in Wallung. „Was hat er wohl jetzt schon wieder für eine unverschämte Forderung auf Lager?“ Sofort erinnerte ich mich an zahlreiche unliebsame Erfahrungen mit ihm und noch bevor etwas sagte, war ich schon auf hundertachtzig.

Die angetriggerten Gedanken

Mit dem Trigger wird automatisch die nächste Stufe des Problemdenkens eingeläutet: Meine negativen, abwertenden Gedanken auf die Situation:

  • Das kann doch wohl nicht deren Ernst sein, dass sie so was von mir verlangen.
  • Das schaffe ich doch nie in der kurzen Zeit.
  • Eigentlich sollte ich das ablehnen, aber das kann ich mir nicht leisten.
  • Kann ich das überhaupt? Dafür bin ich doch noch gar nicht gut genug.
  • Hätte ich in der Situation doch bloß dieses oder jenes gesagt oder getan, dann wäre das alles nicht passiert.
  • Keiner unterstützt mich. Immer muss ich alles alleine machen.

Auf die negativen Gedanken folgen entsprechende unangenehme Gefühle wie Ärger, Wut, Frust, Ohnmacht, Angst, Besorgnis oder Resignation. Wir spüren einen inneren Druck, fühlen uns wie getrieben. Oder frustriert und irgendwie erschöpft.

Dieses unangenehme Gemisch aus negativen Gedanken und Gefühlen zieht uns in seinen Bann. Wir haben das Gefühl, es nicht stoppen zu können. Wir können nicht angemessen reagieren, weil uns die Energie dazu fehlt. Sofern wir überhaupt bemerken, was da gerade in uns abgeht. Denn das alles ist uns einfach so vertraut, dass wir es für normal halten und gar nicht bewusst wahrnehmen.

Das Problemdenken hält uns im Problem gefangen

Das Problemdenken ist äußerst problematisch, weil es uns im Problem gefangen hält, anstatt uns aus dem Problem herauszuführen. Deshalb bewegt sich oft so wenig und wir kommen nicht voran, obwohl wir doch so viel über unser Problem nachdenken, es immer wieder analysieren. Im Gegenteil, wir verstricken uns immer tiefer in unserem Problem.

Problemdenken führt nie zur Lösung, sondern immer tiefer in das Problem hinein.

Problemdenken führt zu Erschöpfung, Aggression, Starrheit, Lähmung, Verschlossenheit und Abgrenzung. Das können Sie sowohl in Ihrem eigenen Leben beobachten, als auch bei den Menschen, um Sie herum. Bei anderen Menschen fällt uns dies sogar deutlich leichter.

Ich behaupte: Das Problemdenken ist die Wurzel für viele weitere Probleme und den Mangel an Energie und Motivation in unserem Leben. Denn wer mit seinen Gedanken Wut, Ärger, Frust und Ohnmacht in sich sät, der kann niemals Freude, Motivation, Tatkraft oder Zuversicht ernten. Das ist einfach unmöglich.

Es ist ein Teufelskreis, der sich aufbaut. Je länger und intensiver man über das Problem nachdenkt, umso schwerer kommt man aus der Falle des Problemdenkens wieder heraus. Umso höher ist die Energie, die man aufbringen muss, um Ärger, Frust oder Ohnmacht zu überwinden.

Ich weiß nicht, mit welchen Problemen Sie sich derzeit beschäftigen und wie viel Zeit und Energie dies kostet. Eines weiß ich aber: Wenn wir lernen, den Automatismus des Problemdenkens zu verändern, dann haben wir einen der größten Energiefresser in unserem Leben beseitigt.

Drei Empfehlungen beim Umgang mit dem Problemdenken

# 1: Erkennen Sie das Problemdenken und seine schädliche Wirkung

Im ersten Schritt ist es wichtig zu erkennen, dass Sie gerade im Problemdenken feststecken und wohin es Sie führen wird, wenn Sie es nicht beenden. Insbesondere Gewohnheiten, die wir schon lange haben, verstärken dieses Feststecken.

Vielleicht erinnern Sie sich an eine „unangenehme“ Situation in der vergangenen Woche. Machen Sie sich Ihre Gedanken bewusst. Welchen Einfluss hatte die Situation auf Ihr Wohlbefinden, Ihre Energie, Ihre Motivation, Ihre Produktivität und Ihre weiteren Handlungen?

Das Problemdenken kann zu den unterschiedlichsten Wirkungen in unserem Alltag führen: Der eine macht sich klein und unsichtbar, ein anderer setzt sich permanent unter Druck, ein dritter schürt in sich Angst und Unsicherheit und kommt gar nicht erst in Aktion. Ein vierter hetzt wie getrieben durch seinen Alltag. Getrieben durch seine Probleme.

Schauen Sie sich diese Situationen und die Wirkung des Problemdenkens genau an. Denn nur dann können Sie Ihre individuellen Trigger gezielt in Angriff nehmen und abstellen.

# 2: Kommen Sie zur Ruhe und nehmen Sie dem Problem seine Wirkung

Eines der Merkmale eines Problems ist, dass wir dem Problem eine sehr hohe, oft sogar bedrohliche Bedeutung beimessen. Das kann in der Wirkung zu immer größer werdender innerer Unruhe, Sorge, Angst oder Ohnmacht führen. Wie können Sie die Wirkung des Problems entschärfen? Die einfachste und noch dazu sehr wirksame Strategie ist eine bewusste und ruhige Atmung.

Denn mit einer bewussten, tiefen und gleichmäßigen Atmung bringen Sie ihr Nervensystem in Balance. Ihr Körper kommt wieder zur Ruhe und entspannt sich. Infolgedessen entspannt sich auch Ihr Verstand. Ihre Wahrnehmung öffnet sich wieder.

Dazu noch ein Tipp von mir, wenn Sie sehr aufgeregt sind: Atmen Sie länger aus als ein. Also von eins bis vier zählen bei der Einatmung, von eins bis acht zählen bei der Ausatmung. Ihre Ausatmung korreliert mit dem beruhigenden Ast des Nervensystems, dem Parasympathikus. Sie verstärken so die beruhigende Wirkung Ihrer Atmung.

Es klappt vielleicht nicht in jeder Situation sofort. Aber mit ein wenig Übung können Sie sehr schnell große Effekte erzielen. Probieren Sie es unbedingt aus.

# 3: Positive Strategien parat halten und umsetzen

Wenn Sie keine positive Strategie beim Problemdenken zur Hand haben, dann ist schwierig aus dieser tief eingeprägten Gewohnheit des Problemdenkens wieder herauszukommen. Häufig holt Sie Ihr Verstand immer wieder in die Problemschleifen zurück, sobald Sie es beenden wollen. Unter Stress ist das bewusste Denken stark eingeschränkt, sodass Ihnen mit großer Sicherheit nichts einfällt, was Sie alternativ tun könnten.

Deshalb ist es sinnvoll, dass Sie sich vorher überlegt haben, wie Sie sich wieder in eine gute, positive Energie bringen. Was bei Ihnen gut und einfach funktioniert. Für den Moment, in dem Sie erkennen, dass Sie gerade in einer Problemschleife feststecken und sie beenden wollen.

Erstellen Sie sich dazu eine Liste mit verschiedenen Punkten, was Sie schnell und sicher in eine gute Stimmung bringt. Dann können Sie sofort gegensteuern. Vielleicht hilft es Ihnen, ein bestimmtes Musikstück zu hören. Oder Sie denken an Ihren letzten Urlaub oder eine schöne Begebenheit. Vielleicht hilft auch eine Tasse Kaffee oder Tee. Oder eine Runde um den Block oder auch einfach nur der Weg zum Kopierer. Lassen Sie Ihrer Fantasie freien Lauf und schreiben Sie alles auf, was Ihnen dazu einfällt.

Die positiven Gefühle, die mit diesen Dingen verbunden sind, bringen sie schnell wieder in eine gute Energie. Sofern Sie sich die paar Minuten Zeit nehmen und sie auch umsetzen. Immer dann, wenn Sie bemerken, dass Sie gerade im Problemdenken feststecken.

Holen Sie sich Ihre Energie zurück, für die Dinge, die Ihnen wirklich wichtig sind. Ich versichere Ihnen, Ihr Leben wird sich dadurch wesentlich verbessern.

 

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Martina Baehr hat weitere Beiträge im t2informatik Blog veröffentlicht, u. a.

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Martina Baehr
Martina Baehr

Martina Baehr ist Arbeits- und Organisationspsychologin und Inhaberin von Projektmanagement plus – mit dem richtigen Mindset zum Projekterfolg. Als Projektbegleiterin und Mindsetcoach unterstützt Sie Ihre Kunden dabei sich innere Stärke aufzubauen. So dass sie aus ihrer vollen Kraft heraus handeln und ihre Projekte ganz entspannt zum Erfolg bringen. In ihrem Mindset-Blog schreibt Sie über Neues Denken, emotionale Intelligenz, Intuition und wertschöpfende Zusammenarbeit.

Martina Baehr arbeitete in verschiedenen mittelständischen Unternehmen als Projektleiterin sowie als Abteilungsleiterin für die interne Prozess- und Systemberatung und verfügt über mehr als 15 Jahre Erfahrung in der Leitung großer Reorganisations- und IT-Projekte.