Achtsamkeit – die neue Superpower?

Gastbeitrag von | 17.03.2022

New Me, New We, New Work, New World

Achtsamkeit ist ein Konzept, das seit Jahren einen Hype erfährt und doch ist es für viele noch ein „schwammiges“ Konstrukt. Handelt es sich um eine Methode, einen Zustand oder eher ein Verhalten? Welche Erwartungen sind realistisch und was ist dran an den Bedenken, dass Achtsamkeit von Unternehmen für ihre Zwecke missbraucht werden könnte?

Seit Jahren wächst die Anzahl wissenschaftlicher Studien rund um das Thema Achtsamkeit und es gibt immer mehr Auswertungen aus Unternehmen, die aufzeigen, welche positiven Effekte achtsamkeitsbasierte Programme auf die Persönlichkeit eines Menschen sowie auf dessen Umfeld haben. Gerade jetzt – in einer von Krisen gebeutelten Welt – können wir von der Wirkung einer achtsamen Haltung profitieren, denn sie kann einen großen Beitrag leisten für ein friedliches Miteinander.

In diesem Artikel gehe ich darauf ein:

  • welche Erwartungen mit achtsamkeitsbasierten Programmen verbunden sind,
  • was Achtsamkeit und ihr Gegenspieler sind,
  • welches Potenzial sie hat und
  • was sie gerade in der heutigen Zeit, so wertvoll macht.

 

Erwartungen an achtsamkeitsbasierte Programme

Die Erwartungen an achtsamkeitsbasierte Programme sind so vielfältig wie die Herausforderungen, die Menschen bewältigen müssen. Manche wünschen sich

  • mentale Stärke,
  • andere wollen ihre Führungsqualitäten verbessern und
  • ein großer Teil wünscht sich „einfach nur“ einen souveränen Umgang mit „schwierigen“ Emotionen und Situationen.

Ach ja, und gegen mehr

  • Fokus,
  • Flow und
  • Motivation

hat auch niemand etwas einzuwenden.

Um zu erkennen, wie Achtsamkeit diesen Erwartungen gerecht werden kann, müssen wir erst einmal verstehen, worüber wir genau sprechen. Ein Blick hinter die Kulissen achtsamkeitsbasierter Programme zeigt, dass die Definition nicht überall gleich ist.

Was ist Achtsamkeit?

Achtsamkeit beinhaltet zwei Aspekte:

Der erste Aspekt beschreibt Achtsamkeit als eine Form der Wahrnehmung, die bewusst im gegenwärtigen Moment stattfindet. Wenn ich achtsam bin, nehme ich mich selbst mit all meinen Gedanken, Gefühlen und Empfindungen wahr und bin mir gleichzeitig des Umfeldes bewusst, in dem ich mich gerade befinde.

Der zweite Aspekt geht auf die innere Haltung ein, die ich im gegenwärtigen Moment einnehme. Diese Haltung beeinflusst, wie ich all dem begegne, was ich wahrnehme. Achtsamkeit strebt eine offene, freundliche und wertfreie Haltung an.

Während der erste Aspekt in vielen Beiträgen erwähnt wird, bleibt der zweite oft unbeachtet. Dabei ist dieser zweite Aspekt wichtig, um neben der verbesserten Wahrnehmung weitere Kompetenzen entwickeln zu können.

Eine offene und freundliche Haltung bewahrt uns davor, schnell in Schubladendenken zu verfallen und eine Sache zu bewerten, bevor alle Aspekte erfasst sind. Sobald wir bewerten, schränken wir unsere Wahrnehmung ein. Wir beschließen, dass wir jetzt genug wissen, nehmen nur noch auf, was zu diesem Wissen passt, und vernachlässigen das, was nicht passt. Das führt sehr häufig zu Bewertungsfehlern, welche zu Fehlentscheidungen und Fehlhandlungen führen.¹

Der Gegenspieler

Der Zustand der Achtsamkeit lässt sich am besten erklären, wenn wir ihn mit seinem Gegenspieler vergleichen – dem Alltagsbewusstsein.

Im Alltagsbewusstsein erledigen wir die meisten unserer täglichen Aufgaben – vor allem Tätigkeiten, die wir einstudiert haben und die wenig Aufmerksamkeit benötigen: Autofahren, gärtnern, bügeln – all das funktioniert auch dann, wenn wir mit den Gedanken ganz woanders sind. Und selbst in akut gefährlichen Situationen ist es in Aktion. Das ist wichtig für unser Überleben und daran wollen wir auch nichts ändern.

Da uns das Alltagsbewusstsein schnell und ohne viel nachzudenken handeln lässt, profitieren viele Funktionen im Alltag davon. So können wir als geübte Autofahrer unser Fahrzeug bedienen, ohne darüber nachdenken zu müssen, wann und wie wir kuppeln, schalten und bremsen müssen.

Je besser etwas einstudiert ist, desto schneller ist es abrufbar. Auch Spitzensportler:innen wissen, wie wichtig dies bei einem Wettkampf ist. Gleichzeitig lebt die Kreativität vom Sich-treiben-lassen im Spiel zwischen Gedanken und Gefühlen. Problematisch wird es nur, wenn wir den Autopiloten zu oft, zu lange und in ungünstigen Situationen angeschaltet haben. Die Analyse und Einschätzung der Situation erfolgt unbewusst, schnell und unvollständig. Wir vergleichen das, was wir wahrnehmen, mit dem, was wir kennen. Nehmen wir uns nicht die Zeit, um eine Situation umfänglich zu erfassen, entgehen uns zwangsläufig Informationen, die wir für eine gute Entscheidung möglicherweise brauchen.

Konkurrierende Systeme

Achtsamkeit und Alltagsbewusstsein sind Bewusstseinszustände, in denen wir die wachen Phasen unseres Lebens verbringen, und wir können in einem Moment nur in einem Zustand sein.

Wissenschaftler haben herausgefunden, dass wir automatisch in das Alltagsbewusstsein fallen, wenn keine Einflüsse von außen auf uns einwirken. Unser Gehirn wählt in dem Fall ein Netzwerk, das als Default Mode Network bezeichnet wird. Es wird mit Aktivitäten wie Tagträumerei, geistigem Vorstellungsvermögen und selbstbezogenem Denken verbunden.

Gerade noch konzentriert bei einer Aufgabe, kann uns ein Gedanke in Millisekunden an einen anderen Ort und in eine andere Zeit katapultieren. Ohne es zu bemerken, sind wir beim nächsten Wochenendtrip oder grübeln zum hundertsten Mal über das, was am Vortag im Meeting schiefgelaufen ist.

Wenn wir konzentriert bei einer Sache bleiben wollen, brauchen wir eine hohe Aufmerksamkeit, die uns bei jedem Abschweifen wieder zurückbringt. Die gute Nachricht ist, dass wir sowohl unsere Aufmerksamkeit als auch die Achtsamkeit trainieren können.

Veränderung braucht Achtsamkeit

Schwierig wird es auch dann, wenn wir uns von Gewohnheiten und alten Handlungsmustern verabschieden wollen. Wenn wir langfristig etwas verändern wollen, brauchen wir die Achtsamkeit.

In diesem Zustand können wir eingefahrenen Denkweisen und die daraus resultierenden Impulse erkennen und verändern. Es reicht leider nicht aus, sich einmal für das gewünschte neue Verhalten zu entscheiden – egal wie sehr wir es wollen und überzeugt davon sind. Da das Alltagsbewusstsein unser Standard-Modus ist, der für unser Gehirn viel energiesparender ist, wird er von ihm präferiert. Wir werden so lange die eingefahrenen Muster abspielen – selbst wenn sie heute nicht mehr helfen – bis neue Muster geschaffen sind.

Da beide Zustände ihren Sinn ergeben, müssen wir lernen, im richtigen Augenblick den passenden Zustand zu wählen. Dazu gibt es zahlreiche Tools und Methoden, auf die ich in meinen Kursen² und in meinem Buch eingehe.

Selbstwahrnehmung und Selbstfürsorge

Je öfter wir achtsam wahrnehmen, was wir fühlen, denken und welche Impulse uns steuern, desto besser lernen wir uns selbst kennen – unsere Stärken und Schwächen, was wir mögen und was wir unter allen Umständen vermeiden wollen.

Die Haltung der Freundlichkeit ermöglicht uns zu jeder Zeit, uns anzunehmen, wie wir sind, und auch dann wertschätzend zu bleiben, wenn etwas nicht gelingen will. Das ist äußerst wichtig, da die meisten Menschen einen inneren Antreiber haben, dessen Erwartungen ihnen manchmal mehr zu schaffen macht, als Druck von außen es je könnte.

Achtsamkeit hilft, dem Antreiber nicht mehr blind ausgeliefert zu sein. Sie kann unser Maß an Selbstvertrauen erhöhen und die Selbstakzeptanz stärken. Die regelmäßige Achtsamkeitspraxis befähigt uns auch, weniger anfällig auf Stress zu reagieren, besser mit belastenden Gefühlen umzugehen und mehr Mitgefühl für uns selbst und andere zu entwickeln.

All das sind wichtige Aspekte für die Entwicklung einer starken Persönlichkeit.

Emotionale Kompetenzen trainieren

Achtsamkeit spielt nicht nur bei der Betrachtung unserer eigenen Gedanken und Gefühle eine wichtige Rolle. Durch die offene und freundliche Haltung, die mit Achtsamkeit verbundenen ist, können wir Fähigkeiten entwickeln, die nicht nur für uns selbst, sondern auch für ein gutes Miteinander dienlich sind.

Wenn wir z. B. einer Person achtsam zuhören oder uns die Zeit nehmen, die Stimmung hinter den Worten zu erfassen, schenken wir diesem Menschen unsere ganze Aufmerksamkeit. Ich bin sicher, dass jeder schon einmal erlebt hat, wie gut es tut, die ungeteilte Aufmerksamkeit einer Person zu erhalten.

Achtsames Zuhören trägt zum friedlichen Miteinander und zur Lösung von Konflikten bei. Vor allem, wenn wir in der Lage sind, es auch bei schwierigen Gesprächen zu tun. Sobald wir achtsam zuhören, nehmen wir mit einer offenen Haltung wahr, was die Person sagt, wie sie es sagt und wie dies auf uns wirkt.

Wenn wir es schaffen, all das, was kommuniziert wird, nicht sofort und impulsiv auf uns zu beziehen und zu bewerten, erhalten wir wertvolle Informationen. Dann können wir die Lage besser verstehen und handhaben. Unser Gegenüber fühlt sich „gehört und gesehen“, auch dann, wenn wir nicht mit allem einverstanden sind.

Die Haltung der Achtsamkeit hat auch einen positiven Einfluss auf den Umgang mit unseren Emotionen. Wenn wir beobachten, was wir fühlen, öffnen wir einen Raum zwischen Reiz und Reaktion. In diesem Raum haben wir die Chance, kurz auszusteigen, unsere Impulse zu erkennen, sie zu verstehen und angemessen zu handeln.

Mit diesen Kompetenzen können wir auch in der Führung von Teams und Menschen punkten, was u. a. aus der spannenden Google-Studie „Aristoteles“³ hervorgeht.

Wo sind die Tücken?

Es mag kinderleicht sein, in den Zustand der Achtsamkeit zu gehen, doch es braucht Übung und Willenskraft, um längere Zeit in diesem Zustand zu bleiben. Wir müssen uns also immer wieder bereit machen, diesen Zustand bewusst einzunehmen.

Wichtig ist, sich klarzumachen, dass Achtsamkeit nicht unser Standard-Programm ist. Wir brauchen Geduld, Selbstmitgefühl und Nachsicht, wenn wir uns auf den Weg machen.

Die Wahrnehmung und innere Haltung öffnen uns zwar einen Raum, aber sie ist nicht die Lösung all unserer Probleme. Es geht darum, dass wir uns selbst verstehen – unsere Gedanken, Gefühle, Bewertungen und die Trigger, auf die wir anspringen. Das braucht Zeit und manchmal auch Unterstützung von außen, denn die blinden Flecken sieht man selbst bekanntlich nur schwer.

Der wichtigste Punkt ist die Bereitschaft, im Alltag immer wieder innezuhalten – vor allem, wenn wir dazu neigen, mit 250 km/h durch den Tag zu rauschen.

Kann man Achtsamkeit missbrauchen?

In den Medien wird manchmal die Kritik laut, dass Achtsamkeit benutzt wird – z.B. um noch leistungsfähiger zu werden oder um sich zu optimieren für eine Welt, in der es nur um „höher, schneller, weiter“ zu gehen scheint.

Ich bin überzeugt, dass mit Achtsamkeit kein Unfug getrieben werden kann, denn sie vergrößert im ersten Schritt nur unseren Wahrnehmung-, Entscheidungs- und Handlungsraum. Was wir damit machen, entscheidet jede(r) für sich allein.

Wer von sich aus mit einem selbstoptimierenden Ansatz einsteigt, wird mit der offenen Haltung näher zu sich finden oder aufhören. Meine Hoffnung ist, dass wir mit Achtsamkeit von „höher, schneller, weiter“ zu einer neuen Strategie kommen, die uns als Mensch „größer, freier, menschlicher“ macht.

Fazit

Achtsamkeit ist der psychische Zustand, der eintritt, wenn wir den Autopiloten abschalten und den Augenblick bewusst mit allen Sinnen so bewertungsfrei wie möglich wahrnehmen. In diesem Zustand können wir uns selbst führen, statt uns von jeder impulsiven Bewertung steuern zu lassen. Je achtsamer wir mit uns selbst sind, desto bewusster werden wir im Umgang mit anderen sein.

Gerade jetzt – mitten in einer von Krisen geschüttelten Welt – lohnt es sich mehr denn je, zu reflektieren, wohin unser altes Verhalten geführt hat und wie eine achtsame Herangehensweise die unausweichliche Veränderung begleiten und positiv beeinflussen kann.

Eine Veränderung, die in uns beginnt (new me), sich in unserem Umfeld fortsetzt (new we), unsere Arbeit verändert (new work) und die Welt zu einem besseren Ort macht (new world).

Machen wir was draus, nutzen wir die Superpower!

Hinweise:

Interessieren Sie sich für weitere Tipps aus der Praxis? Testen Sie unseren wöchentlichen Newsletter mit interessanten Beiträgen, Downloads, Empfehlungen und aktuellem Wissen.

[1] Vgl. Kahnemann, Daniel (2016). Schnelles Denken, langsames Denken. Penguin Verlag, sowie Dobelli, Rolf (2020). Die Kunst des klaren Denkens. Piper Verlag (2. Auflage).
[2] Gabriele Andler bietet derzeit zwei Kurse an: Weg – das achtsamkeitsbasierte Programm für Entscheider und Gestalter und Search inside yourself
[3] Google Studie „Aristoteles“ von Duhigg (2016). Veröffentlicht im New York Times Magazine.

Gabriele Andler hat ein tolles Buch über Achtsamkeit als Weg geschrieben. Sehr zu empfehlen!

Gabriele Andler: Achtsamkeit als Weg
Gabriele Andler
Gabriele Andler

Gabriele Andler arbeitet international als Coach, Trainerin und Autorin. Sie hat weltweit zahlreiche achtsamkeitsbasierte Programme in Unternehmen durchgeführt und leitet ein eigenes Institut für Yoga und Achtsamkeit.

In ihren 24 Jahren bei SAP war sie als Beratungsleiterin tätig und kennt die Herausforderungen, denen Unternehmen und deren Mitarbeiter heute gegenüberstehen.

Ihre langjährigen Erfahrungen mit der Achtsamkeitspraxis haben sie sowohl beim Selbstmanagement als auch bei der Führung globaler Teams unterstützt.

Bei SAP war Gabriele Teil einer Graswurzelbewegung, die das Ziel hatte, Achtsamkeit allen MitarbeiterInnen zugänglich zu machen.

Seit 2015 setzt sie sich mit Begeisterung dafür ein, die Achtsamkeitspraxis in der Business-Welt zu etablieren. Ihre Intention ist, Menschen bei ihrer persönlichen Entwicklung zu unterstützen und die Aufmerksamkeit auf das Potenzial zu richten, das jeder Mensch in sich trägt.