Was wir von Raumschiff Enterprise lernen können

Gastbeitrag von | 19.11.2020 | Prozesse & Methoden | 0 Kommentare

Erinnern Sie sich noch an Raumschiff Enterprise? Sie bricht auf, „um fremde Galaxien zu erforschen, neues Leben und neue Zivilisationen. Viele Lichtjahre von der Erde entfernt, dringt die Enterprise in Galaxien vor, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat“.

Niemand an Bord der Enterprise erahnt, was der nächste Planet bringt und wie die Technik auf die sich ständig ändernden Bedingungen reagiert. Einer der Helden der Serie ist Bord-Ingenieur Scotty. Er ist zuständig für die Technik des Raumschiffs und zeigt immer wieder die Kompetenzen, die Menschen mit einem produktiven Umgang in Ungewissheit auszeichnen. Die Serie wurde bereits ab den 70-er Jahren in Deutschland ausgestrahlt, und so verblüfft es, wie nahezu perfekt dort Wissen aus der Ungewissheitsforschung dargestellt wird und wie wenig verbreitet und anerkannt es bis heute ist.

Eine typische Episode von Raumschiff Enterprise

Lassen Sie uns anhand einer typischen Episode einen Blick auf Scotty werfen. Das Raumschiff umkreist einen Planeten, an Bord herrscht achtsame Betriebsamkeit, man befindet sich in unbekanntem Territorium. Ingenieur Scott wird uns im Maschinenraum gezeigt, er geht geschäftig umher und kontrolliert verschiedene Geräte und Anzeigen. Plötzlich stockt er, irgendetwas beunruhigt ihn, auch wenn alle Monitore auf „normal“ stehen. Es folgen Worte wie „Hier stimmt etwas nicht!„.

Kurze Zeit danach erleben wir das auch: Die Monitore spielen verrückt, das Raumschiff ruckelt und gibt Töne von sich, der Antrieb hat nun auch für andere erkennbar ein Problem. Meist kommt zusätzlich eine weitere unerwartete Bedrohung hinzu, die Bewohner des umkreisten Planeten werden mehr als nur unfreundlich oder mitten im All taucht ein unbekanntes und bedrohliches, oft „energetisches Wesen“ auf – in der Ungewissheitsforschung nennen wir das übrigens „Ungewissheit zweiter Ordnung“, ein typisches Phänomen, das zum endgültigen Kontrollverlust führt. An Bord herrscht nun Alarm gelb, kurz danach wird Alarm rot ausgerufen. Das nicht funktionsfähige Triebwerk, das sich inzwischen komplett abgeschaltet ist und sich weigert wieder anzuspringen, wird zur Gefahr. Eine Flucht ist nicht mehr möglich. Die Kontrolle über die Situation und das System sind verloren.

In diesem Moment kommt Scottys große Stunde, er widmet sich ab sofort – und rein ausschließlich – der Problemlösung. Das macht er eher intuitiv. Er macht keinen Plan, sondern er nähert sich schrittweise – getriggert durch spontane Einfälle – der Quelle des Problems. Er kriecht durch Röhren, nutzt scheinbar völlig unzureichende oder unpassende Werkzeuge, redet mit dem Antrieb. Wir Zuschauer wissen so gar nicht, ob er eigentlich denkt oder „nur“ handelt. Und doch haben wir und auch die Crew dort an Bord irgendwie das Vertrauen, dass er es schon und wieder einmal schaffen wird. Nach zahllosen, scheinbaren Irrwegen, die es aber nicht sind, weil er nämlich im unbekannten Terrain lernt, findet er eine Lösung – gerade noch rechtzeitig. Der Antrieb funktioniert wieder, wenn auch meist noch recht fragil, wie Scotty uns und der Crew mitteilt, und die Enterprise befreit sich aus der misslichen Situation. Natürlich haben alle an Bord mitgeholfen und in ihrem Verantwortungsbereich das ihrige zu einem guten Ausgang beigetragen.

Und nun wird erst einmal entspannt: Wir sehen Scotty mit einem guten Glas Whiskey, oft in Begleitung von McCoy und Kirk sowie einem etwas irritierten Spock. Alle wissen, das nächste unerwartete Ereignis wird kommen, aber da die Erfahrung gewachsen ist, werden alle ein bisschen besser darauf vorbereitet sein.

Ein Blick auf die Wissenschaft

Springen wir nun von Science-Fiction in die Wissenschaft und schauen uns an, wie ein dazu passendes soziologisches Handlungsmodell aussieht. Prof. Fritz Böhle vom ISF München hat im Verlauf seiner 30-jährigen Forschung ein solches Modell entwickelt, das aus sozialwissenschaftlicher Perspektive Handeln und Entscheiden auch in Ungewissheit beschreibt. Dabei unterscheidet er zwei Arten von Handeln:

  • Das objektivierende Handeln
    Objektivierendes Handeln ist planmäßiges Handeln in Richtung eines Zieles/einer Lösung. Entscheiden (von Planungsoptionen) steht vor dem ausführenden Handeln. Es steht das Kognitive, Messbare im Vordergrund. Objektivierendes Handeln wird gesteuert durch unsere rationalen Denkmuster und wird in unserem Kulturkreis – nicht auch zuletzt durch unsere Ausbildungssysteme – stark befördert.
  • Das subjektivierende Handeln
    Beim subjektivierenden Handeln steht (fundierte) Erfahrung im Vordergrund. Es kann umgangssprachlich auch als intuitives Handeln bezeichnet werden. Im Gegensatz zum objektivierenden Handeln sind Entscheiden und Handeln nicht sequentiell getrennt, sondern miteinander verzahnt. Die Lösung ist nicht vorgegeben, sondern in mehreren Schleifen werden Lösungsversuche – basierend auf Erfahrungen und Faktenwissen – verprobt. Dabei entsteht neues Erfahrungswissen. Subjektivierendes Handeln ist ganzheitlich, es erfordert Körperbewusstsein und -gespür (s. Abb.).

 

Soziologisches Handlungsmodell

Abb. Soziologisches Handlungsmodell

In Situationen der Ungewissheit tritt subjektivierendes Handeln in den Vordergrund. Subjektivierendes Handeln erfordert natürlich eine objektivierende Basis, denn Erfahrung setzt Wissen voraus, gute Intuition braucht ein (verkörpertes) rationales Fundament.

Science-Fiction meets Wissenschaft

Angewendet auf unseren Scotty bedeutet das: Scotty verfügt über eine hervorragende Wissensbasis über die Technik des Raumschiffes, er ist analytisch geschult und kann in „gewissen“ Zeiten planungsmäßig vorgehen (objektivierende Aspekte). Wenn jedoch unerwartet das zuverlässige Warp-Triebwerk versagt, spürt er das bereits zwei Minuten im Voraus, denn er ist mit dem System in Verbindung (Beziehungs- und Wahrnehmungsebene). Tritt der Ausfall ein, agiert er situativ und tastet sich an eine Lösung des Problems heran. Es gibt keine langatmigen Analysesitzungen, dafür ist die Zeit zu knapp. Erfahrungen und aufkommende Bilder bringen Lösungsideen, die ausprobiert werden (Denken- und Vorgehensebene). Druck wird ausgehalten. Die notwendige Sicherheit kommt aus ihm selbst, basiert auf seiner Erfahrung und seiner angemessenen Flexibilität aber auch der (bewertungsfreien) Akzeptanz der Situation. Und natürlich gibt es auch ein Team, das unterstützt.

Subjektivierendes Handeln kann leider nicht in die gerade im Projektmanagement viel geliebten Tools verpackt werden. Aber die dafür erforderlichen Metakompetenzen sind im Vorhinein erlern- und trainierbar und momentan gerade sogar aktiv anwendbar:

  • die Freude am Ausprobieren
  • ein konstruktiver Umgang mit Fehlern (aus Fehlern lernen)
  • Achtsamkeit
    • ein Wahrnehmen von sich selbst und dem, was um einen herum ist
    • Entschleunigung (nicht im Sinne von Aussitzen, sondern im Sinne des Sammelns von bewertungsfreien Beobachtungen)
    • sinnliche Wahrnehmung, auch Wahrnehmung von Weak Signals
  • ein Loslassen von eigenen Erwartungen an potentielle Lösungen, existierende Pläne, andere Betroffene
  • ein flexibler Umgang mit Drucksituationen

Voraussetzungen dafür sind:

  • sich selbst, die eigenen Reaktionen und Fähigkeiten gut kennen
  • ein Loslassen von der in unserer Kultur zutiefst verankerten Idee perfekter Kontrolle und Steuerung, die in Situationen der Ungewissheit nicht möglich sind
  • Sicherheit, die nicht aus Kontrolle der Situation entsteht, sondern auf Selbstkenntnis und Vertrauen in die eigene Person basiert

Lieutenant Worf von Enterprise Next Generation macht übrigens Taiji, ein Hilfsmittel zur Stärkung von dieser Metakompetenzen.

Und nun? Was hilft uns das aktuell?

Sicherlich wären wir momentan alle gerne ein kleiner Scotty, aber nicht jeder ist Virologe, Infektiologe oder hat sonst eine Profession, die unmittelbar zu Lösungen der Corona-Krise beizutragen scheint. Gerade in diesen Professionen brauchen wir mehr von Scottys Kompetenzen und auch seine (fluchende) Sachlichkeit und sein Wissen über persönliche Grenzen. Und nicht jeder ist ein Kirk, es sei denn, er leitet ein Unternehmen oder hat politisch legitimierte Befugnisse. Von den Kirks wünsche ich mir etwas mehr von dessen Einsicht und Demut, dass wir manchmal Dinge nicht mehr in Kontrolle haben und nach neuen Wegen suchen müssen – im Wissen, dass unser Leben danach anders wird.

Nichtsdestotrotz das meiste von Scottys und Kirks Kompetenzen tut uns allen gut, insbesondere die Akzeptanz der Situation und ein kreativer, suchender Umgang damit. Es gibt auch die Crew an Bord und die schaut nicht nur zu, was Scotty da tut. Sie steht aufmerksam bereit, um bei Bedarf zu helfen und denkt mit. Sie sorgt auch dafür, dass eine gewisse Restnormalität erhalten bleibt, in dem sie einfach und soweit möglich ihren üblichen Aufgaben nachgeht. Keine Partys, keine Titanic-Stimmung, keine Leugnung des Problems. Achtsame Aufmerksamkeit ohne Verzweiflung, in mancher Hinsicht sogar eine Art Routine im Unbekannten. Die menschlichen Schatten in Krisen bringen eher Externe an Bord, da gibt es Partys, totale Kontrollversuche, abtauchen in emotionale Blasen – nur sind diese Externen eben selten hilfreich noch am Ende weiter bei der Expedition dabei.

Ein gealterter Scotty übrigens taucht mit all seiner Kompetenz in Staffel 2 als Retter des Next Generation Raumschiffes auf – das kann uns einiges über die Zukunftsträchtigkeit seiner Kompetenzen sagen.

Noch ein Blick auf die Digitalisierung

Und wir können von Scotty und seinem Antrieb noch etwas anderes lernen als Kompetenzen in Ungewissheit und für Corona, etwas, das wichtig für die Digitalisierung ist. Wir werden in der Enterprise damit konfrontiert, dass die Technik selbst eine Quelle von Ungewissheit ist – etwas, dass die Kollegen vom ISF München unter Fritz Böhle seit Jahren publizieren.¹ Es ist nicht vorwiegend die Natur, die Ungewissheit hervorbringt, Technik schließt mit zunehmender Komplexität auf, wird zu einem eigenständigen System mit allen Konsequenzen, die uns aus der systemischen Lehre bekannt sind. Das gilt es in der Digitalisierung zu beachten, nicht nur indem Technik „sicherer“ wird, sondern eben auch in Bezug auf unsere Erwartungen und unseren Umgang mit Kontrollverlust.

 

 

Hinweise:

[1] Technik als Quelle von Ungewissheit, Abschnitt 3.5 Feld Technik

Astrid Kuhlmey hat im t2informatik Blog weitere Beiträge veröffentlicht, u. a.

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Astrid Kuhlmey
Astrid Kuhlmey

Dipl.Inf. Astrid Kuhlmey verfügt über mehr als 30 Jahre Erfahrung im Projekt- und Linienmanagement der Pharma-IT. Seit 7 Jahren ist sie als systemische Beraterin tätig und begleitet Unternehmen und Individuen in notwendigen Veränderungsprozessen. Ihr liegen Nachhaltigkeit sowie gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Wandel und Entwicklung am Herzen. Gemeinsam mit einem Kollegen hat sie einen Ansatz entwickelt, Kompetenzen zum Handeln und Entscheiden in Situationen der Ungewissheit bzw. Komplexität zu fördern.