Veränderung braucht Zeit

Gastbeitrag von | 09.05.2019 | Prozesse & Methoden | 0 Kommentare

Ihr Ziel ist es, Scrum oder SAFe einführen? Oder wollen Sie einen „agilen Mindset“ etablieren? Hier ist einer der Gründe, warum das länger dauern kann als geplant:

Unsere Schulzeit.

Aber dazu später mehr …

Aus meiner beruflichen Praxis kenne ich viele Beispiele, in denen Veränderungsprozesse in Unternehmen sehr lange dauern und sich die Belegschaft nur sehr zögerlich auf neue Zusammenarbeitsmodelle einstellt.

Warum ist Veränderung in Unternehmen so schwer?

Aus meiner Erfahrung spielt sich Veränderung nicht nur auf der Ebene einer Organisation oder einer Unternehmenskultur ab. Veränderung ist etwas Persönliches – sie findet im Wesentlichen in den Menschen statt, auch wenn der Kontext dabei das Unternehmen ist.

Blicken wir deshalb zuerst auf die persönlichen Aspekte von Veränderungen. Wir wünschen uns oft, dass sich die Dinge ändern und dennoch handeln wir nicht so. Was steht uns also im Weg?

Wissen und Nichtwissen

Zurück zur Schule. Etwas zu wissen ist gut – etwas nicht zu wissen, ist schlecht. Auf eine Frage muss eine Antwort folgen – so haben wir es in der Schule gelernt. Wir wurden gelobt, wenn wir etwas wussten und bestraft und manchmal bloßgestellt, wenn wir etwas nicht wussten. Es war wenig Raum für Neugier und „Nichtwissen“. Nichtwissen“ musste eher versteckt werden. So wurden wir in der Schulzeit konditioniert. Die Stille, die entstand, wenn das Gehirn keine Antwort hatte, war manchmal kaum auszuhalten. Sie erzeugte Angst und Scham. So lebt es auch heute noch in vielen von uns. Ein wesentlicher Aspekt von Veränderungen ist aber, dass ich nicht weiß, wie die veränderte Zukunft aussieht. Sie ist unbekannt. Und das – so haben wir es gelernt – ist nicht gut und erzeugt unangenehme Gefühle.

Unser Verhältnis zum Unbekannten

Veränderungen wirken zunächst einmal scheinbar gegen unser Bedürfnis nach Sicherheit, Klarheit und Stabilität. Sie machen uns u.a. aus den o.g. Gründen in der Regel Angst. Oft bleiben wir deshalb in einer Situation, die nicht gut für uns ist. Meist denken wir dann, dass die derzeitige Situation immer noch besser ist, als etwas uns Unbekanntes. Viele Probleme in der Welt und in den Menschen lassen sich genau auf diese Angst zurückführen.

  • „Wenn ich jetzt kündige, finde ich keinen besseren Job.“
  • „Wenn wir ihm die Personalverantwortung nehmen, wird er gehen und wir finden keinen Nachfolger.“

Obwohl das Unbekannte vielleicht etwas Besseres bereithält, stecken wir in einer Situation fest, die wir aus Angst nicht verlassen wollen.

Das heißt also, bei Veränderungsprozessen (auch im Unternehmen) ist unser Verhältnis zum Unbekannten der Schlüssel zum Erfolg. Es geht dabei um Vertrauen, die Ungewissheit als Teil unseres (Arbeits-) Lebens zu akzeptieren. In Wahrheit entziehen sich die meisten Dinge in unserem Leben unserer Kontrolle. Wir können nicht kontrollieren, wie viel Geld wir verdienen, welche Karriereschritte wir machen oder wie Menschen sich uns gegenüber verhalten. Aber wir dürfen neugierig sein, was das Leben für uns bereithält. Lasse ich mich auf den Veränderungsprozess ein, führt er zu persönlichem Wachstum. Im Rückblick wird uns meist klar, was wir gewonnen haben, persönlich und auf der beruflichen Ebene. (Sicher fallen Ihnen sofort Beispiele dazu ein.)

Die Magie der Veränderung

In der Wissenschaft geht es um direkte kausale Zusammenhänge.

Ursache – Wirkung.

Wir tun A und das Ergebnis ist B.

Wir sind es gewohnt, in diesen Gesetzen zu denken. Wenn wir etwas mit einem unserer fünf Sinne erfassen können, ist es real, wenn nicht, dann nicht. Für alles andere haben wir nur vage Ausdrücke wie: Bauchgefühl, Intuition etc… Nur: Tiefe Veränderung und Wachstum sind ein längerer Prozess und sie gehorchen meistens nicht den wissenschaftlichen Regeln. Es gibt dabei eine magische Komponente. Sie erfordert die Bereitschaft, uns auf einen Prozess einzulassen, von dem wir nicht wissen, wo er uns hinführt. Und das ist nicht einfach. Obwohl uns das Leben ständig lehrt, dass wir die Realität nicht kontrollieren können, mögen wir diese Ungewissheit nicht. Wir wollen nicht in etwas investieren, wenn wir das Ergebnis nicht kennen.

Schauen wir in die Natur, so können wir beobachten, dass Pflanzen nicht schneller wachsen, wenn wir sie durch unseren Willen dazu zwingen, sondern wenn wir die Bedingungen für ihr Wachstum schaffen (gute Erde, austeichend Wasser, Licht). Wirkliches Wachstum und Erblühen können wir nicht „machen“ oder „tun“. Wir können Wachstum also nur ermöglichen, indem wir den Rahmen dafür bereitstellen.

Die richtigen Bedingungen schaffen

Auch in Zeiten von selbststeuernden Teams halte ich das Begleiten von Veränderungen für eine Führungsaufgabe. Es geht darum, die richtigen Voraussetzungen im Unternehmen zu schaffen.

Viele Unternehmenslenker und Führungskräfte wünschen sich derzeit eine „agile Unternehmenskultur“. MitarbeiterInnen werden auf Scrum- und SAFe-Schulungen geschickt. Kickertische, Lounge-Ecken und free Coffee sollen ein angenehmes Arbeitsklima schaffen und doch ändert sich wenig an der Haltung der MitarbeiterInnen. Woran liegt das? Meine Erfahrung ist: Etwas Wesentliches fehlt! Es fehlt das „Warum“.

Wir alle wollen Teil einer Vision sein

Oft habe ich erlebt, dass Umstrukturierungen oder die Einführung von neuen Arbeitsweisen halbherzig mit gestiegenen Anforderungen, Effizienzsteigerung, Time to Market, etc… begründet wurden. Betriebswirtschaftliche Zwänge wurden den MitarbeiterInnen als „Vision“ verkauft.

Mich persönlich haben solche Statements selten inspiriert, zur Höchstform aufzulaufen. Gibt es hinter sicherlich begründeten Kostensenkungszwängen und Produktivitätssteigerungsforderungen (was für ein Wort) nicht ein größeres Ziel, warum eine Neuausrichtung nötig ist? Man kann Scrum, SAFe und Co. auch in einem größeren Kontext einführen, der die MitarbeiterInnen auf einer tieferen Ebene erreicht. Wie wäre es, wenn am Anfang einer solchen Veränderung im Unternehmen eine kraftvolle Vision stünde? Wenn der Rahmen mal anders gesetzt würde?

Hier mein Vorschlag:

„Liebe Kolleginnen und Kollegen,

wir haben in den letzten Monaten mehr und mehr festgestellt, dass wir mit der Art, wie wir unsere tägliche Arbeit verrichten, an Grenzen stoßen. Das heißt nicht, dass alles, was wir bisher gemacht haben, schlecht war. Dennoch hat es uns in einigen Bereichen unflexibel und langsam gemacht. Unsere Ziele wurden nicht mehr, oder nur mit großen Zusatzaufwänden erreicht.

Von vielen MitarbeiterInnen und auch Kunden wurde uns die Unzufriedenheit mit dieser Situation gespiegelt. Wir wollen das ändern und haben uns entschlossen, neue Wege zu beschreiten. Gemeinsam mit Ihnen wollen wir eine agile Unternehmenskultur entwickeln.

Uns ist klar, dass eine Kultur immer nur ein Resultat ist. Etwas, dass entsteht, wenn Menschen, die gleichen Werte und Visionen teilen. Wenn sie sich in ihrer Haltung bestärken und gegenseitig darin unterstützen etwas zu erreichen.

Uns ist wichtig, dass es nicht nur um die Einführung neuer Arbeitsweisen und Tools geht. Wir wollen unseren Arbeitsplatz zu einem Ort machen, an dem wir wachsen können – persönlich und professionell. Dabei sind die agilen Arbeitsweisen ein Vehikel, das wir für uns nutzen wollen.

Für jeden von uns wird es Herausforderungen geben. Vieles Liebgewonnene werden wir loslassen müssen. Das wird nicht immer einfach sein und wir alle werden mit unseren Widerständen konfrontiert werden. Dabei wollen wir auch die Widerstände wertschätzen, denn sie zeigen uns viel – vor allem über uns selbst. Sie sind ein Hinweis auf unsere Ängste und Bedürfnisse. Wenn wir uns diese bewusst machen, haben wir schon den ersten Schritt getan, um an dieser Veränderung zu wachsen.

Es gibt für uns noch mehr Gründe diesen, für uns alle neuen Weg einzuschlagen.

Wir wollen:

  • allen MitarbeiterInnen schrittweise mehr Verantwortung und Autonomie geben.
  • eine Arbeitswelt schaffen, in der wir uns gegenseitig immer mehr unterstützen und helfen und die immer weniger auf Angst und Druck basiert.
  • einen Raum eröffnen, in dem wir wirklich transparent mit unseren Arbeitsfortschritten sein können und in dem Fehler und fehlende Antworten keine Makel mehr sind.
  • in dem wir jeden Tag mehr von dem zeigen können, wer wir wirklich sind und unsere Talente und Gaben einbringen können.

Jeder wird seinen Platz darin finden. Und jeder soll wissen, welchen Beitrag er zur Erreichung dieser Vision leistet. Dazu werden wir in den nächsten Wochen einige Diskussionsrunden anbieten, in denen wir uns zu der Methodik, den Zielen, aber auch den Bedenken und Ängsten offen austauschen möchten.

Und: Wir wissen nicht, ob es für uns alle funktioniert, aber wir werden es herausfinden.

Ich lade Sie alle herzlich ein, diesen Weg mit uns zu gehen.

Herzlichen Dank für Ihr Vertrauen!“

Vielleicht ist das ein hilfreicher Ansatz für eine Vision, die am Anfang einer Veränderung stehen kann.

Wenn spürbar wird, dass es um mehr geht als nur wirtschaftliche Interessen, wenn das Selbstinteresse der MitarbeiterInnen genauso einen Raum hat wie die Unternehmensziele ist der erste Schritt getan und Boden für Veränderung bereitet.

Herzliche Grüße
Michael Hermany 

Michael Hermany

Michael Hermany

Michael Hermany ist selbständiger Berater, Coach und Trainer für strukturierte und ganzheitliche Unternehmensentwicklung. Er arbeitete in Start Ups, mittelständischen Unternehmen und multinationalen Konzernen. Heute begleitet er Kleinunternehmerinnen und Kleinunternehmer und Menschen in Veränderungsprozessen dabei, sich neu auf ihr (Arbeits-) Leben zu beziehen und wieder in die Selbstverantwortung zu kommen. Die Überzeugung, dass Unternehmen wachsen, wenn Menschen wachsen, treibt ihn an. Dabei inspiriert ihn die Dynamik und Direktheit in Kleinunternehmen. Er bietet ein offenes Ohr und Geduld, sowie Orientierung und Unterstützung bei der Entwicklung von Führungs- und Management-Skills.

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