Kreativität in Unternehmen

von | 03.05.2021 | Prozesse & Methoden |

Können Sie malen?

Ich möchte diesen Beitrag mit einem kleinen Geheimnis beginnen: Ich liebe meinen Job und schreibe relativ regelmäßig Texte für t2informatik. Ich bin einigermaßen geübt im Schreiben, ich male viel zu selten und glaube, dass ich im Allgemeinen sehr kreativ bin. Dennoch habe ich ungewöhnlich lange über die Einleitung des Artikels nachgedacht und sie viele Male umgeschrieben. Nicht weil ich nach einem besonders kreativen, kunstvollen Einstieg in das Thema gesucht habe. Nicht weil ich das Thema sonderlich schwierig finde; im Gegenteil: Kreativität lässt sich vergleichsweise leicht in Unternehmen zum Leben erwecken. Sie steckt in jedem von uns und begegnen wir ihr mit offenen Augen, verbessert sich vieles in und für Organisationen. (Diese These werde ich natürlich gleich belegen.)

Meine Herausforderung ist eine andere: ich möchte nicht nur einen einfachen Appell verfassen, sondern den Blick auf Ihre Möglichkeiten in Ihrem Unternehmen in Teilen verändern. Ich möchte Ihnen eine Idee vermitteln, wie Sie Kreativität zu Ihrem Freund und Begleiter machen, unabhängig davon welche Regeln, Prozesse, Pflichten, schwierige Vorgesetze oder Zeit-, Budget- und Ressourcenengpässe in Ihrem Unternehmen existieren. Kreativität ist eine riesige Chance, Kleines und Großes fortan anders und besser zu machen. Probieren Sie es einfach in ca. 10 Minuten selbst aus!

Kreatives Arbeiten

Welche Jobs und Tätigkeiten kennen Sie, die „per Definition“ etwas mit Kreativität zu tun haben?

Grafikdesignerinnen, Softwareentwickler, Werbefachleute, Filmemacherinnen, Architekten, Konfiseure oder Musikerinnen gelten bspw. als kreativ. Projektleiter, Social Media Experten und Vertrieblerinnen vermutlich auch. Business Analysten, Controllerinnen, Mathematikern, Virologen und Bankmitarbeiterinnen hingegen wird Kreativität eher abgesprochen.

Ich bin ehrlich: von solchen Einschätzungen, Vorurteilen oder Schubladen halte ich wenig. Belegen möchte ich das mit einer Suchanfrage bei StepStone. Wer auf dem Jobportal „kreatives Arbeiten“ eingibt, erhält sage und schreibe 76.875 Treffer. Es werden kreative Einkäufer, Praktikanten, Analysten, Ergotherapeutinnen, Fassadentechniker, Köche, Technische Zeichnerinnen, Ärzte, Bibliothekarinnen, Juristen, Redakteure, Krankenpfleger oder Auditorinnen gesucht. Kreativität scheint eine wichtige Zutat in vielen Jobs zu sein. Und da „Kreativität die Fähigkeit ist, etwas zu erschaffen, was neu oder originell und dabei nützlich oder brauchbar ist“¹, überrascht die hohe Zahl an Treffern auf den zweiten Blick doch nicht. Ergo: eine Einteilung und Beurteilung von Jobs nach Kreativität ergibt wenig Sinn.

Natürlich könnten Sie einwenden, dass „kreatives Arbeiten“ lediglich ein Label ist, um „einfachen“ Stellenanschreibungen etwas mehr Pepp zu verleihen. Und Sie könnten feststellen, dass es Positionen in Unternehmen gibt, die aufgrund ihrer Anforderungsprofile kontinuierlich Neues und Originelles produzieren müssen: Kampagnenmanager, Werbetreibende, Texter etc. Beides stimmt. Aber ich möchte auf etwas anderes hinaus: Sie entscheiden selbst, ob Sie Ihren eigenen Beruf, Ihre eigene Tätigkeit als kreativ einordnen. Und allen Regeln, Prozessen, Pflichten etc. zum Trotz können Sie kreativ sein. Es mag sein, dass Sie die Rahmenbedingungen in Ihrer Abteilung, Ihrem Unternehmen, Ihrem Markt nicht verändern können, das macht aber nichts, denn Kreativität bedeutet nicht, dass „alles“ auf einmal 100% anders sein muss. Nein, Kreativität ist auch im Kleinen möglich. Kleine Veränderungen erzielen oftmals große Wirkungen. Dazu möchte ich Ihnen zwei Beispiele nennen:

Zwei Beispiele aus einem Unternehmen

Weihnachten und Ostern habe ich mit meiner Familie verbracht. Um die 600 km Entfernung geschmeidig zu meistern, habe ich jeweils ein „schönes“ Auto gemietet. Einmal einen Audi TT und einmal einen Audi A7. „Vorsprung durch Technik“ heißt der Slogan des Autobauers, für mich persönlich ist es aber die „Freude am Fahren“, auch wenn dieser Slogan von einem anderen tollen Autohersteller stammt.

Beispiel 1:

Vielleicht geht es Ihnen wie mir, ich kann TV- oder Radio-Werbung von Audi gut von anderen Werbeeinblendungen unterscheiden. „Schuld“ daran ist ein „Dum Dummm“. Jeder Spot endet mit einem sehr markanten Sound. „Dum Dummm“. Das Logo wird eingeblendet und aus den Boxen des Fernseh- oder Radio-Gerätes dröhnt der Sound. „Dum Dummm“.

Auf diese Idee sind natürlich schon viele Hersteller gekommen. Die Idee ist gut, irgendwo auch kreativ, aber an sich keine Absätze in Blogbeiträgen wert. Außer…

Beim Öffnen der Fahrertür des TT ertönt ein Sound: „Dum Dummm“. Beim ersten Mal war ich etwas überrascht. Hatte ich den typischen Audi-Sound gerade gehört? Beim zweiten Mal war ich mir sicher. Ja, dass ist der Sound aus der Werbung. Cool. Automatisch dachte ich an die letzte Werbung von Audi. Aber: ich saß ja bereits in einem Audi. Ein Gimmick, das mich an die Werbung des Herstellers denken lässt. Nett. Kreativ. Aber auch etwas sinnlos. Bis ich die nächste Werbung von Audi im TV sah. „Dum Dummm“. Und schon waren meine Gedanken bei der coolen Fahrt im TT zu meiner Familie. Zwei kleine Töne schafften es, mich an einen Besuch bei meiner Familie inklusive einer schönen Autofahrt in einem schönen Auto zu erinnern.

Das ist Kreativität!

Vielleicht denken Sie jetzt: „Ja, nette Idee. ‚Die anderen‘ können so etwas tun, wir sind aber als Unternehmen nicht so aufgestellt. Das würde niemals genehmigt werden. Das brauche ich gar nicht erst vorzuschlagen.“ Okay, das kann ich nachvollziehen. In vielen Firmen ist so etwas „unmöglich“.  Dann werfen wir einen Blick auf…

Beispiel 2:

Auf der Rückfahrt der zweiten Reise mit dem A7 fahre ich nach Berlin von der Stadtautobahn ins Stadtgebiet. 80 km/h sind erlaubt. 60 km/h. 50 km/h. BLITZ. Mist! 1.200 km fast wie ein Uhrwerk alle Regeln beachtet, ausgerechnet kurz vor knapp werde ich geblitzt. Die Strafe vom Ordnungsamt: 15,- Euro.

Nach einigen Wochen erhalte ich eine Rechnung von Audi: 30,- Euro Bearbeitungsgebühr. 30,- Euro?! Sicherlich steht das irgendwo in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen.  Aber wieso kostet das Weiterleiten meiner Adresse an das Ordnungsamt 30,- Euro? 70.000,- Euro kostet das Auto. Viele hundert Euro die Miete. Aber 30,- Euro für was genau?

Das Schreiben führt aus, dass die Bearbeitungsgebühr direkt von meiner Kreditkarte abgebucht wurde und bittet mich um Feedback, wie mir dieser Service gefällt. „Das ist ein Scherz“, denke ich mir und hinterlasse mein Feedback im entsprechenden Online-Formular. Wie war die Reaktion auf mein Feedback? Es gab keine!

Ich kürze die Geschichte etwas ab: die Abbuchung klappte nicht, nach einem weiteren Monat bekam ich eine neues Schreiben mit einer neuen Rechnungsnummer und Abbuchung, die Bearbeitungsgebühr wurde fälschlicherweise zweimal abgebucht, zwei Telefonate später war dies korrigiert und das Ergebnis lautete: 30,- Euro Bearbeitungsgebühr.

Was ist an diesem Beispiel kreativ? Nichts!

Stellen Sie sich jetzt einen alternativen Brief vor:

„Sehr geehrter Herr X,

Sie wurden geblitzt. Schade. Aber wir können es nachvollziehen. Das Fahren mit dem A7 macht viel Spaß, da kann man schon mal kurz die Geschwindigkeit aus den Augen verlieren. Verstehen wir gut und ist dem einen oder der anderen von uns auch schon passiert. Eigentlich müssten wir Ihnen jetzt 30,- Euro Bearbeitungsgebühr in Rechnung stellen. Darauf verzichten wir. Wir freuen uns einfach, wenn Sie demnächst wieder einen Audi bei uns buchen. Und wer weiß, vielleicht haben Sie irgendwann sogar Interesse, einen Audi zu kaufen. Wir haben das nämlich ganz was Neues im Angebot…

Viele Grüße und bis bald“

Das wäre Kreativität!

Zutaten für Kreativität in Unternehmen

Der deutscher Psychiater, Psychotherapeut und Psychoanalytiker Rainer Holm-Hadulla² sagt in einem Zeitungsinterview folgenden Satz: „Kreativität findet immer im Zusammenspiel von

  • Begabung,
  • Wissen und Können,
  • Motivation,
  • Disziplin,
  • Offenheit und Widerstandsfähigkeit
  • sowie geeigneten Umweltbedingungen

statt.“³

Ich glaube nicht, dass Sie Begabung brauchen, um kreativ zu werden. Auch über „Können“ könnte ich in diesem Zusammenhang diskutieren. Je länger ich aber über die Aussage nachdenke, desto besser finde ich die Aufzählung der anderen Punkte. Natürlich braucht es passende Umweltbedingungen, die Offenheit für andere Wege und Vorgehensweisen, die Bereitschaft sich für Neues einzusetzen, das Wissen um Zusammenhänge in einem Unternehmen, die Motivation, bestehende Abläufe zu hinterfragen und neue zu probieren – das alles sind Zutaten für Kreativität. Manchmal könnte es so „leicht“ sein wie in Beispiel 2, manchmal ist der Aufwand so hoch wie in Beispiel 1.

Im t2informatik Blog finden Sie viele Beiträge, die sich mit diesen und ähnlich wichtigen Punkten auseinandersetzen. Hier eine kleine Auswahl:

Die Auswahl lässt sich natürlich leicht verlängern. Stöbern Sie doch einfach mal ein wenig; es könnte sich lohnen.

Tipps für die Praxis

Neu oder originell und dabei nützlich oder brauchbar“ lautet das zentrale Element in der Definition von Kreativität. Das spannende an diesem Element ist der Bezugsrahmen: „Neu oder originell“ kann sich auf etwas weltweit Neues beziehen, es kann aber auch etwas Originelles an Ihrem Arbeitsplatz, in der Arbeit mit Kolleginnen oder bei der Kommunikation mit Kunden passieren. Solange das Neue und Originelle „nützlich oder brauchbar“ ist, wird sich vieles in und für Organisationen verbessern.

Gerne möchte ich Ihnen einige Tipps geben, wie Sie es evtl. schaffen, mit etwas mehr Kreativität Ihren Tätigkeiten nachzugehen:

  • Wechseln Sie ab und an mal die Perspektive und fragen Sie sich, wie eine Aktion von Ihnen bei jemand anderen wirkt (siehe Beispiel 2).
  • Fragen Sie sich, was sie einfach und leicht tun können, um den „Betroffenen“ Ihrer Arbeit – Kunden, Kollegen, Vorgesetzte, Partner – einen „schönen“ Gefallen zu tun?
  • Überlegen Sie sich, was Sie schon immer in Ihrem Umfeld ändern wollten. Vielleicht verrücken Sie ein Möbelstück im Besprechungsraum, sagen ein unnötiges Meeting ab, wechseln den Arbeitsplatz bei unterschiedlichen Tätigkeiten oder verzichten auf das Ausfüllen von Reports, die niemand liest. Diese Handlungen an sich sind nicht kreativ, sie schaffen aber Raum für Kreativität.
  • Wechseln Sie Kommunikationsformate. Ein schwieriges Gespräch mit einer Kollegin oder einem Mitarbeiter in Form eines Walk-and-Talk Meetings verläuft häufig deutlich besser und entspannter als ein vergleichbares Gespräch im Büro.
  • Fragen Sie sich, was Sie diese Woche anders machen wollen. Und machen Sie es bewusst anders. „Dinge“ anders zu erledigen, hat eine sehr befreiende Wirkung. Und das schöne daran: Sie können sich die Frage auch im Team stellen. Sie werden überrascht sein, welche Ideen in kurzer Zeit entstehen. Hinzu kommt das Erstaunen im Team, wenn Sie die Ideen umsetzen und sie vielleicht sogar besser funktionieren als der Status quo. Und selbst wenn nicht, entstehen so neue Kenntnisse und die „Freude beim Arbeiten“ nimmt zu.
  • Und last but not least: Kreativität benötigt keine Erlaubnis. Sie haben alle Utensilien, die Sie dafür benötigen. Legen Sie los! Am besten jetzt gleich.

 

PS: „Können Sie malen?“ hatte ich Sie am Anfang gefragt. Jedes kleine Kind beantwortet diese Frage mit „ja“. Viele Erwachsene sind bei der Beantwortung deutlich zurückhaltender, obwohl sie mit Sicherheit „besser“ malen können als viele Kinder. Natürlich können Sie malen! Jeder Mensch kann malen. Nicht wie Picasso. Es gab genau einen Menschen auf dem Planeten Erde, der wie Picasso malen konnte: Picasso.

„Sind Sie kreativ?“

 

Hinweise:

Der Beitrag erscheint im Zuge der No Motto – 9. PM Camp Berlin Blogparade.

[1] Mark A. Runco, Garrett J. Jaeger: The Standard Definition of Creativity. In: Creativity Research Journal. Band 24, Nr. 1, 01.01.2012
[2] Rainer Holm-Hadulla
[3] Süddeutsche Zeitung: Kreativtität braucht bestimmte Voraussetzungen

Michael Schenkel hat im t2informatik Blog weitere Beiträge veröffentlicht, u. a.

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Michael Schenkel
Michael Schenkel

Leiter Marketing, t2informatik GmbH

Michael Schenkel ist Diplom-Betriebswirt (BA) und macht Marketing mit Leidenschaft. Er bloggt gerne über Projektmanagement, Requirements Engineering und Marketing. Und er freut sich, wenn Sie ihn auf eine Tasse Kaffee und ein Stück Kuchen treffen.