Eine Weihnachtsgeschichte

Gastbeitrag von | 02.12.2021 | Projektmanagement | 0 Kommentare

Es ist Montag der 23.12. Der Unternehmer Karl Meier schaut aus dem Fenster seines Büros über die schneebedeckte Produktionshalle. In seiner Firma CoolGrill nennen ihn alle nur ehrfürchtig den “Alten”, wegen seiner Ähnlichkeit zum Kriminalhauptkommissar aus der gleichnamigen Krimiserie. Dank Aufträgen aus der Automobilindustrie ist sein Unternehmen mit den unverwechselbaren Autokühlern über die letzten Jahre stetig gewachsen und mittlerweile international tätig.

Karl erwartet gerade seinen Neffen. Im mintgrünen Weihnachtspulli, auf dem der Weihnachtsmann aus einem Mehrwegbecher Glühwein serviert, betritt Florian das Büro.

»Hey Onkel, na wie geht’s?«

»Ach hör mir auf. Was für ein Jahr. Die Rohstoffpreise klettern unaufhörlich. Teilweise bekommst du gar kein Material. Aufgrund der Halbleiterkrise stehen bei den Kunden die Bänder und bei uns schwächeln die Umsätze. Habe meinen Mitarbeitern erstmal das 13. Monatsgehalt gestrichen. Und bei dir?«

»Ich kann nicht klagen. Geht doch nichts über Mehrweg. Immer mehr deutsche Städte schließen sich unserem Pfandsystem an. Mittlerweile sind wir über 80 Weltverbecherer und Rebowlutionäre im Unternehmen. Würde mal sagen: es läuft.«

»Humbug, wie kann man nur das schöne Polypropylen zu profanen Kaffeebechern und Schüsseln verarbeiten. Kühler sind da doch viel interessanter und lukrativer.«

»Wenn du meinst Onkel! Kommst du morgen Abend zum Abendessen zu uns? Gibt das Essen auch auf echtem Porzellan und den Rotwein aus echten Gläsern.«

»Lass gut sein. Bei dir gibt es ja sowieso wieder nur vegan. Ich mache mich lieber bei ein paar Würstchen über die Zahlen von CoolGrill und suche nach Einsparpotentialen.«

»Also ich spare mit meinem vegan Weihnachtsmenü auf alle Fälle CO². Na dann dir viel Erfolg bei der Suche nach deinen Einsparpotentialen und frohe Weihnachten schon mal.«

Florian will gerade zur Tür hinaus, als ihm der Sechserpack Bier in der Hand einfällt.

»Fast hätte ich mein Weihnachtsgeschenk vergessen. Veganes Schaumsüppchen von meinen Freunden von Brobier. Dieser Weizendoppelbock passt mit seiner Nelkennote perfekt zu Weihnachten und ist 100% regional.«

Kaum hat der Neffe das Büro verlassen, klingelt das Telefon.

»Hallo hier ist Franziska von Entrepreneurs for Future, spreche ich mit Herrn Meier? Haben Sie kurz Zeit mit mir über Nachhaltigkeit zu sprechen?«

»Entrepreneurs for Future, was soll das sein? Eine Sekte wie die Zeugen Jehovas? Oder so Spinner, die freitags unsere Straßen blockieren statt was Vernünftiges zu arbeiten?«

»Also eigentlich wollte ich Sie zu unserem nächsten Netzwerktreffen einladen. Dort tauschen sich Mittelständler und Startups aus, wie nachhaltiges Wirtschaften funktioniert. Wettbewerbsfähigkeit und Nachhaltigkeit sind nämlich kein Widerspruch.«

»Humbug! Ihr wollt doch nur mein Geld. Und dieser Klima-Hype ist sicher auch bald wieder vorbei.«

»Ok Herr Meier. Ist wohl gerade nicht der richtige Moment. Ich wünsche Ihnen frohe Weihnachten und einen erfolgreichen Start ins neue Jahr! Für den Fall dass Sie es sich anders überlegen, die Einladung zu unserem nächsten Event steht natürlich.«

Nach einem anstrengenden Tag verläßt Karl das Büro und startet den Motor seines BMW X6 M50i. Beim Betreten des Hauses fallen ihm kleine Ölflecken auf dem Boden im Flur auf. Fängt jetzt auch noch die Putzfrau an, sich zurückzulehnen?

Karl stellt den Sechserpack Bier von Florian in den Kühlschrank. Als er sich umdreht, fährt ihm der Schreck in die Knochen. Vor ihm steht ein Geist im Friesennerz. Sein gelber Parka ist mit Öl verschmiert. Der Geist hat am ganzen Körper Goldketten, an denen verschiedene Erze hängen.

»Guten Abend Herr Meier, mein Name ist Exxon Valdez und ich bin hier um Sie zu warnen.«

»Vor was wollen Sie mich denn warnen? Und was sollen diese komischen Ketten, die Sie da tragen?«

»Das sind Lieferketten. Ich möchte Sie davor warnen, das Thema Nachhaltigkeit zu vernachlässigen.«

»Kommen Sie mir jetzt auch noch mit diesen grünen feuchten Träumen? Wollt ihr mir alle meine so mühevoll erarbeitete Wettbewerbsfähigkeit kaputt machen?«

»Glauben Sie mir, wir dachten auch, dass die von Fridays for Future übertreiben. Aber mittlerweile haben wir sogar eigene Studien anfertigen lassen und ich muss sagen, es ist wirklich fünf vor 12. Naja, vielleicht sind die drei Geister die Ihnen heute Nacht noch erscheinen etwas überzeugender.«

War wohl doch etwas viel dieses Jahr, denkt sich Karl. Jetzt sehe ich schon Gespenster. Ich muss dringend ins Bett. Der Typ im Ölzeug verschwindet so schnell wie er aufgetaucht ist und Karl fällt in einen tiefen Schlaf.

Der Geist der vergangenen Weihnacht

Die Apple Watch von Karl zeigt 1:30 h als jemand an seiner Bettdecke zerrt.

»Hallo Karl! Mein Name ist August, der Geist der vergangenen Weihnacht. Komm mit mir auf eine kleine Reise.«

Karl folgt August vor die Tür, wo ein knallgelber Audi C mit tuckerndem Vierzylinder auf die Beiden wartet. Der Geist fährt mit ihm durch die schneebedeckten Straßen der Wohnsiedlung. Die Fenster sind hell erleuchtet. In einem der Häuser sieht man Karl als jungen Mann an einem Zeichenbrett.

»Oh mein Gott, mein erster Autokühler. Das war kurz bevor ich ihn zum Patent angemeldet habe.«

Die beiden fahren weiter zur Karl-Meier-Strasse. Auf einer riesigen Baustelle entsteht gerade eine neue Werkshalle. Karl sieht, wie er den Bauarbeitern gerade einen mächtigen Einlauf verpasst. Auf dem Rundgang mit dem Geist betrachten die beiden noch einige Szenen aus Karls früheren Tagen als Unternehmer – Karl beim Einschwören des Vertriebsteams, Überstunden in der Produktion, das erste Werk in Europa. Von Szene zu Szene wird Karls Ton schärfer, die Gesichtszüge härter und man sieht ihn immer öfter alleine.

»Horch zu August, wenn es doch nur wieder so wäre wie früher. Lass uns nach Hause fahren.«

Der Geist der diesjährigen Weihnacht

Kaum ist Karl wieder eingeschlafen, schreckt ihn ein Klopfen erneut aus dem Schlaf. Vor der Tür des Schlafzimmers ruft jemand seinen Namen. Als Karl die Tür öffnet, erblickt er einen Geist mit Cowboyhut.

»Hallo Karl, ich bin Herbert, der Geist der diesjährigen Weihnachtsnacht. Lust auf eine kleine Spritztour?«

»In der Pferdekutsche? Oder was soll mir der Cowboyhut sagen?«, grummelt Karl.

»Ach das hat gar nichts zu bedeuten. Den Hut hat mir der Dieter geschenkt. Den hat er sich damals bei der SXSW gekauft. Seit er im Ruhestand ist, braucht er ihn nicht mehr.«

Gemeinsam verlassen die beiden das Haus. Diesmal hört man kein Tuckern eines Motors. Stattdessen schauen die beiden in die schmalen LED-Augen eines Volkswagen ID.Buzz.

»Ein elektrischer Bulli? Dachte der kommt erst nächstes Jahr raus.«

»Ein CEO darf auch mal vor Verkaufsstart Probe fahren«, zwinkert im Herbert zu.

Der Bus macht sich flüsterleise auf den Weg zum Impact Hub. Dort ist heute Green Startup Night. Herbert läuft begeistert an den vielen Lösungen zu nachhaltigem Essen, grüner Mobilität und regenerativen Energien vorbei. Karl trottet mit rollenden Augen hinterher. Kurz vor dem Ausgang weckt noch ein T-Shirt mit aufgedrucktem Kaktus das Interesse von Herbert. Das Startup möchte mit bedruckten Second-Hand-Shirts auf das Sustainable Development Goal #6 aufmerksam machen. Herbert gefällt das und 3-2-1 ist ein T-Shirt seins.

»Alles Humbug! Wie soll man denn mit solchen Spinnereien Geld verdienen?«, frotzelt Karl auf dem Rückweg.

Bevor die beiden das Haus von Karl erreichen, macht Herbert noch einen kurzen Abstecher zum Haus von Luisa, die im Einkauf von CoolGrill beschäftigt ist. Sie sitzt vor Ihrem Laptop und schreibt Softwarecode.

»So voller Energie habe ich Luisa schon lange nicht mehr gesehen. Was macht sie denn da?«

»Blockchain. Sie ist da Teil eines Open Source Projekts für die Nachverfolgung von Lieferketten«, weiß der Geist.

»Block-was? Scheinbar ist die junge Dame bei CoolGrill nicht ausgelastet!«

»Das macht sie rein aus intrinsischer Motivation«, klärt ihn der Geist auf.

Herbert parkt den ID.Buzz in der Einfahrt zu Karls Haus und öffnet ihm die Tür. Beim Aussteigen fallen Karl zwei Kinder auf der Rückbank des Busses auf.

»Ach die Beiden hätte ich jetzt fast vergessen. Ich habe morgen Termin beim Betriebsrat. Könntest du bis zum Abend auf sie aufpassen?«

»Wie heißen die zwei denn?«

»SDG5 und SDG9. Ich glaube die beiden würden dir gut tun.«

»Was sind denn das für komische Namen? Das ist doch wieder so ein amerikanischer Hype. Nene, die kommen mir nicht ins Haus.«

Bevor der Geist noch etwas erwidern kann, ist Karl bereits in der Einfahrt zu seinem Haus verschwunden.

Der Geist der zukünftigen Weihnacht

Gerade als Karl die Tür aufsperrt, hört er ein leises Husten. Er dreht sich um. An der Mauer sitzt ein Mädchen, das einen Pappkarton in der Hand hält auf dem das Wort »Copenhagenize« steht.

Karl schlägt die Hände über dem Kopf zusammen.

»Unglaublich, jetzt sitzen hier auch noch Tramper herum. Ist das nicht diese Greta? Wobei, die kommt ja aus Schweden und nicht aus Dänemark.«

Das Mädchen zeigt auf ein Lastenrad am Straßenrand. So langsam dämmert es Karl, dass es sich um den Geist der zukünftigen Weihnacht handelt.
Erneut geht es in die Karl-Meier-Straße. Allerdings traut Karl seinen Augen kaum. Am Firmenschild bröckelt die Farbe ab. Auch das Gebäude hat schon bessere Zeiten gesehen. Das schweigende Mädchen steigt vom Rad ab und gibt Karl ein Handzeichen, ihm zu folgen. Als sie das Gebäude betreten, kommt Ihnen weinend Luisa entgegen. Mit dem Aufzug fahren Sie in das oberste Stockwerk. Karl sieht seinen Assistenten zusammen mit der Pressesprecherin. Am Bildschirm entwerfen sie gerade eine Pressemitteilung:

»CoolGrill schließt zwei weitere Werke – Erneut müssen 1000 Stellen abgebaut werden«

Der Assistent schüttelt den Kopf.

»So viele haben schon versucht mit ihm zu reden. Wir verlieren reihenweise Aufträge, weil wir die Dekarbonisierungs-Ziele unserer Kunden nicht erfüllen können. In den großen Städten werden fast keine Autos mehr zugelassen, weil die Menschen lieber mit ihren Rädern die autofreien Quartiere nutzen. Aber nein, wir versuchen lieber weiter Kosten zu reduzieren.«

Schweigend radeln Karl und der Geist zurück zu Karls Haus. Als sie in die Einfahrt einbiegen, liegt bereits die Tageszeitung vor der Tür. Der schweigende Geist hebt sie auf und hält ihm mit versteinerter Miene das Blatt vor die Nase. Karl sieht sein Portrait auf der Titelseite und fängt an zu lesen. In einem Interview bemängelt er mangelnde Unterstützung der Politik und dass sein Lebenswerk zerstört ist. Er werde das Unternehmen verkaufen. Schockiert dreht sich Karl zum Geist der zukünftigen Weihnacht um. Doch sie ist spurlos verschwunden.

Brobier’s mal mit Nachhaltigkeit

Geschockt von den Erlebnissen geht Karl zum Kühlschrank und nimmt sich noch eines der Biere von seinem Neffen. Das kleine Fläschchen war gleich geleert. An Schlaf ist jetzt nicht mehr zu denken. Nach einer eiskalten Dusche und einem doppelten Espresso lädt Karl sich die Ridesharing App von einem der Startups aus dem Impact Hub herunter. An Autofahren ist nach mehreren Brobier und der schlaflosen Nacht nicht zu denken. Bevor er in die Firma fährt hat er noch was zu erledigen.

Mittags kommt er schließlich in seinem Büro an und zitiert Luisa gleich zu sich.

»Hallo Luisa, ich habe erfahren dass du nebenbei Software entwickelst. Stimmt das?«

Luisa antwortet kleinlaut: »Ja Chef das stimmt. Sorry, dass ich davon nichts gesagt habe. Mir war gleich klar, dass das nicht recht ist.«

»Das geht ja gar nicht…», wird Karl kurz laut und lacht im nächsten Moment auf, »Frohe Weihnachten Luisa! Hier ist eine kleine Aufmerksamkeit für deine Mühen in diesem verrückten Jahr. Special Edition! Könnte irgendwann mal viel wert sein.«

Er drückt der verdutzten Luisa einen Hoodie mit aufgedrucktem Kaktus in die Hand.

»Und nach der Weihnachtspause erklärst du mir wie diese Blockchain funktioniert. Das könnte uns bei CoolGrill vielleicht auch helfen. So jetzt muss ich aber los zu meinem Neffen.«

Mit Bratwurst bewaffnet steht er vor der Tür von Florian.

»Hallo Onkel. Hast du dir es doch anders überlegt?«

»Ja, aber ohne Bratwurst geht es dann doch nicht. Frohe Weihnachten! Hast du noch eines von diesen Brobier? Wir sollten unbedingt nochmal über das Thema Nachhaltigkeit reden…«

 

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Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sowie realen Begebenheiten sind rein zufällig oder vielleicht auch voll beabsichtigt. Wenn Sie nicht erst nach dem Erscheinen von Weihnachtsgeistern innovativ und nachhaltig sein möchten, dann schauen Sie gerne bei CompanyPirate vorbei oder kontaktieren Tobias Leisgang direkt.

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Tobias Leisgang
Tobias Leisgang

Als CompanyPirate inspiriert Tobias Leisgang auf dem gleichnamigen Blog und in Vorträgen Menschen in Unternehmen neue Wege zu beschreiten. Er ist überzeugt, dass erfolgreiches und nachhaltiges Wirtschaften im 21. Jahrhundert radikale Veränderungen braucht.

Die Unternehmenswelt kennt Tobias bestens aus seiner hauptberuflichen Tätigkeit. Seit November 2018 verantwortet er bei einem globalen Automobilzulieferer Innovation mit externen Partnern - vom Konzern bis zum Startup. Vorher war er 15 Jahre bei einem amerikanischen Technologiekonzern in Rollen vom Entwickler bis zum Leiter System Engineering tätig und hatte dabei Einblick in Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen. Die Herausforderungen wurden  in globalen Teams gelöst.